Daniel Rössler: „Das Gegenteil von Gut ist... gut gemeint“

Seifert Verlag, Wien 2015, Sachbuch, 264 Seiten, €22,95

Rezension + Interview von Jessica Gärtner

Daniel Rössler nimmt uns mit auf eine abenteuerliche Recherchereise nach Ghana, einem der Hotspots im immer dichter werdenden „Volunteer-Dschungel“. Auf dieser Reise geht er der Frage nach, was hinter dem sogenannten „Waisenhaus-Business“ steckt:

Wieso gibt es derart viele Waisenhäuser in Ghana, einem Land, dessen Kultur eine solche Institution überhaupt nicht vorsieht? Sind wirklich alle Kinder, die in Waisenhäusern leben, elternlos und wenn nicht, warum leben sie dann dort? Inwiefern können unqualifizierte Volunteers in einem Aufenthalt, welcher teilweise nicht länger als 2 Wochen ist, den Kindern wirklich helfen? Wie groß ist der Schaden, den sie dabei hinterlassen?

Rössler beantwortet diese und andere Fragen ausführlich und anschaulich. Dabei geht er vor allem auf die Beweggründe von und Auswirkungen auf die 6 Hauptakteure des „Waisenhaus-Business“ ein.

Allen voran geht es natürlich um die – vermeintlichen – Waisenhauskinder und deren Wohl. Rössler untersucht hier zum einen die negativen Folgen einer Institutionalisierung für die Entwicklung von Kindern im Allgemeinen. Auch die Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen der Kinder im späteren Leben werden im Rahmen des sozialen und kulturellen Kontextes der ghanaischen Gemeinschaft beleuchtet. Darüber hinaus versucht Rössler die Beweggründe der Gemeinden und insbesondere der Familien, kontinuierlich neue Waisenhäuser zu eröffnen, nachzuzeichnen. Auch die Motivationen der lokalen Waisenhausbesitzer werden untersucht und objektiv beleuchtet. Rössler gelingt es hier, so wenig wie möglich zu beurteilen.

Bezüglich der Freiwilligen und den Vermittlungsorganisationen wird der Ton schon etwas schärfer und das Kopfschütteln als Leser größer. Die Naivität und Arroganz vieler Volunteers ist schockierend und wirft einige Fragen über das im Westen immer noch herrschende Afrikabild auf. Die Skrupellosigkeit der Vermittlungsorganisationen lässt den Leser dann vollends in Wut geraten.

Rössler nimmt uns mit auf eine spannende Reise, auf welcher eine unmoralische Geschäftemacherei menschlich beleuchtet wird. In dem Buch verarbeitet er nicht nur eine detaillierte Recherchearbeit, sondern auch eine nachvollziehbare Kritik an diversen Aspekten der Entwicklungszusammenarbeit und dem immer noch vorherrschenden Afrikabild als hilfsbedürftigen Kontinent. Diese Kritik kommt in Gesprächen wie dem folgenden mit einem ghanaischen Pfarrer anschaulich zum Ausdruck:

 

„Ihr Sulimingas [Weißen] sagt immer, ihr wollt Afrika kennenlernen […]. Aber wenn ihr dann hier ankommt, dann scheint ihr immer schon genau zu wissen, wie Afrika ist. […]. Euer Bild von Afrika habt ihr schon zu Hause gemalt, mit Löwen drauf mit Kindern voller Fliegen im Gesicht, mit Häusern, in denen diese Kinder auf euch warten. [...] Würdet ihr genauer hinschauen, dann würdet ihr viel mehr sehen, als was ihr ohnehin schon kennt […].“

Aus einem Gespräch zwischen Daniel Rössler und Pfarrer Jonathan in: „ Das Gegenteil von Gut... ist gut gemeint“, Seifert Verlag, Wien 2015, S.54.

 

Aufgrund der Brisanz des Themas ist es wünschenswert, dass dieses Buch auch auf englisch übersetzt wird. Denn es ist ein Muss für alle, die in der EZA tätig sind und natürlich für all diejenigen, die darüber nachdenken, einen Freiwilligendienst zu absolvieren.

Rezensentin: Jessica Gärtner, September 2015

 

 

Daniel Rössler

Daniel Rössler

 

Interview mit Daniel Rössler

Selbstverständlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen der Kultur Österreichs/Deutschlands und der Ghanas. Kannst du diese Unterschiede kurz beschreiben und verständlich machen, auch für Menschen, die noch nie in Ghana waren?

Sind die Unterscheide tatsächlich so groß? Ich bin eigentlich immer wieder überrascht, wie ähnlich sich Menschen auf dieser Welt sind. Egal ob man mit einem Bauer aus Ghana, einem Fischer aus Thailand oder einem Versicherungsangestellten aus Deutschland spricht, alle wollen eigentlich dasselbe: Genug zu essen, ein Dach über dem Kopf, Sicherheit für die, die sie lieben. Dass das in Europa Realität und in Westafrika oft ein ferner Traum ist, das ist es wohl, was den gravierendsten Unterschied zwischen uns ausmacht.

 

Welche Auswirkungen hat die Kultur Ghanas auf dessen Gesellschaft? Macht die Institution Waisenhaus in diesem kulturellen Kontext überhaupt Sinn?

In Ghana – vor allem im ländlich geprägten Norden des Landes – spielt der Staat eine äußerst marginale Rolle. In den entlegenen Dörfern der Savanne sind es viel mehr Verwandtschafts- und Gemeinschaftsstrukturen, die den Alltag regeln und das Überleben sichern. Zentrale Bedeutung kommt der Familie zu, sie bietet ihren Mitgliedern Unterstützung und Sicherheit. So wie man in einem Savannendorf kein Altersheim findet – weil ein alter Mann immer irgendjemandes Bruder, Vater oder Opa ist und in der Familie Schutz und Fürsorge erhält –, so ist auch die Institution des Waisenhauses kaum bekannt. Fünf Waisenhäuser gab es Mitte der 1990ger-Jahre – trotzdem sind es heute über einhundertfünfzig.

 

Welche Rolle spielt die (Re)Produktion des bestehenden „Afrikabildes“ im Kontext des „Waisenhaus-Business“?

Das klischeebeladene Afrikabild scheint gleichzeitig Ursache und Resultat von Freiwilligentourismus zu sein: Die Vorstellung und mediale Zurschaustellung von „Afrika als hilfsbedürftigem Kontinent“ zieht KonsumentInnen an und schlägt aus deren Wunsch, diesem Afrika zu helfen, Kapital; gleichzeitig verfestigt sich durch Werbemaßnahmen der Vermittlungsorganisationen und Social-Media-Beiträge der Freiwilligen ein tradiertes Weltbild, in dem Afrika von Weißen gerettet werden muss. Hier wird – absichtlich oder nicht – mit neo-kolonialem Gedankengut operiert und ein Afrikabild re-produziert, das mit der Realität oft nicht viel zu tun hat. Das Waisenhaus stellt in diesem Zusammenhang eine idealtypische Spiegelung dieses Bildes dar und repräsentiert so ziemlich alles, was man sich im Westen unter diesem Kontinent vorstellt.

 

Kann man auch den Freiwilligen selbst einen Vorwurf machen? Müssten sie sich im Vorfeld mehr mit dem Thema auseinandersetzen?

Dass sich immer mehr junge Menschen weltweit engagieren wollen, ist prinzipiell eine tolle Entwicklung und gehört systematisch gefördert und unterstützt. Dazu sollte auch gehören, diesen – oft sehr jungen Freiwilligen – dabei zu helfen, Möglichkeiten abzuwägen und eine fundierte Entscheidung zu treffen. Eigenverantwortlichkeit lässt sich zwar bei vielen künftigen Volunteers erkennen, nicht aber für alle voraussetzen. Deshalb ist es wichtig, Support anzubieten und Freiwillige vor, während und nach ihrem Einsatz zu unterstützen. Die Auseinandersetzung mit dem Projekt, dem Partnerland und dessen Kultur ist dabei auf jeden Fall eine Voraussetzung – ob diese Qualitätssicherung jedoch von kommerziellen Vermittlungsorganisationen verlangt und garantiert werden kann, ist fraglich.

 

Wie beurteilst du die nicht vorhandenen Qualifikationen und Background-Checks der Freiwilligen durch die Organisationen?

Wenn Freiwilligenarbeit kommerzialisiert wird, dann verkommen die Einsätze zu einem touristischen Produkt. Als solches ist es nach marktwirtschaftlicher Logik konzipiert und optimiert seinen Profit, je mehr zahlungsbereite KundInnen dafür gewonnen werden. Damit steht nicht die kompetenz-basierte Auswahl von qualifizierten Freiwilligen im Mittelpunkt, sondern die Identifizierung und Akquise von zahlenden KonsumentInnen. Dass dabei Background-Checks oft zu kurz kommen, ist eine bedenkliche Entwicklung und kann ein veritables Risiko für Menschen in den Einsatzländern darstellen. In ihrer kürzlich veröffentlichen Studie belegt die Kinderschutzorganisation ECPAT (gemeinsam mit Tourism Watch und dem Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung), dass es – einmal mehr – Kinder und Jugendliche sind, die diesem Risiko am stärksten ausgesetzt sind. Hier muss gegengesteuert und Qualitätssicherung vehement eingefordert werden.

 

Wie kann man den Wunsch, zu helfen, gezielt für wirklich notwendige Entwicklungszusammenarbeit nutzen?

Wenn Auslandseinsätze und Volunteers sorgfältig vorbereitet und professionell begleitet werden, dann kann man junge Menschen und ihre Skills sinnvoll in internationale Entwicklungszusammenarbeit einbinden. Es gibt tolle Organisationen, wie z.B. „Jugend eine Welt“ und deren Programm „Volontariat bewegt“ die genau das seit Jahren erfolgreich vorleben und mit ihren Freiwilligeneinätzen nachhaltigen Nutzen für alle Beteiligten stiften. Es bleibt zu hoffen, dass sich das steigende Volontariats-Interesse in derartige – entwicklungspolitisch relevante und kohärente – Bahnen lenken lässt. Denn der Trend ist ein außerordentlich schöner: Dass sich immer mehr junge Menschen für eine bessere und gerechtere Welt einsetzen wollen, ist ermutigend und inspirierend – und sollte auf jeden Fall genutzt werden!


Das Interview führte Jessica Gärtner.

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