Die wartende Jugend - „Waiting for adulthood“

Was, wenn junge Menschen bereit sind, auf eigenen Beinen zu stehen, ihnen aber der Weg in die Unabhängigkeit versperrt bleibt? Wie Afrikas Jugend mit dem Phänomen „Waithood“ umgeht und wer daran etwas ändern kann, darüber wurde kürzlich in Wien diskutiert.

© Patrizia Gapp

© Patrizia Gapp

An der Schwelle zwischen Jugend und Erwachsenenleben stoßen viele junge AfrikanerInnen auf Widerstände, die sie davon abhalten, diese Schwelle zu überschreiten, sie stecken fest. Die Phase der Jugendlichkeit wird ungewollt verlängert. Diese Zeit des Wartens, auch als Waithood bezeichnet, ist der Forschungsgegenstand der Wissenschaftlerin Alcinda Honwana und stand im Mittelpunkt einer Diskussionsrunde, die Anfang November im Festsaal der Diplomatischen Akademie in Wien stattfand. Um dieses Phänomen genauer vorzustellen lud das Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation, VIDC, Professor Honwana und Omar Belhaj Salah vom European Institute of High International Studies nach Wien. Die Moderation übernahm die renommierte Journalistin Monika Kalcsics.

Waithood meint Jugendliche und junge Erwachsene, die bereit sind, als Erwachsene ins Leben zu starten. Sie haben ihre Ausbildung abgeschlossen, sind bereit eine Arbeit aufzunehmen, eine Familie zu gründen und auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Doch sie treffen auf Widerstände, finden keine Arbeit, verdienen kein Geld oder zu wenig Geld um damit eine eigene Familie zu unterstützen. Junge Menschen stecken in einer Art Limbo fest, einer Zwischenwelt in der die Türe von der Kindheit ins Erwachsenenleben versperrt ist. Alte Wege, traditionelle Übergangsriten, sind verschwunden, neue Wege noch nicht gefunden.

Vom Warten zum Handeln

Erwachsen sein bedeutet einerseits den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden, es bedeutet andererseits aber auch die Erwartungen an das eigene Leben erfüllen zu können, also nichts weniger als Glück und Erfüllung zu finden. Können diese Erwartungen nicht erreicht werden führt das zu Frustration. Doch Afrikas Jugend sei keine verlorene Generation, betont Honwana in ihrem Vortrag. Ganz im Gegenteil, viele junge Leute sind sich ihrer Situation bewusst und finden Wege, aus ihrer Lage das Beste zu machen. Manche verlassen ihre Heimat und wandern aus, andere schließen sich radikalen Gruppierungen an. Wieder andere fassen ihren Unmut in Worte und gehen auf die Straße. Hier liegt auch das Potential der Jugend, die Zukunft mit zu gestalten. „Waithood ist ein Raum für Kreativität“, erklärt Honwana. So entstünden etwa florierende Geschäfte - auf legalen oder weniger legalen Wegen. Denn wer in der Mitte der Gesellschaft keinen Platz findet, lernt, sich an den Rändern zurecht zu finden. Dieser kreative Raum scheint auch das politische Engagement der jungen Menschen zu stärken. Besonders seit dem Arabischen Frühling kam es in vielen Staaten zu von jungen Menschen initiierten Protestbewegungen.

Waithood als globales Phänomen

Weltweit scheinen mehr und mehr junge Menschen in der Zwischenwelt zwischen Jungend und Erwachsenenleben festzustecken. Viele junge Menschen suchen ihr Glück im Ausland. Dabei bewegen sich die Migrationsströme nicht nur vom globalen Süden Richtung Norden, sondern auch umgekehrt. Weltweit gehen junge Menschen auf die Straße, protestieren und tun ihren Unmut kund. Waithood ist nicht auf den Afrikanischen Kontinent beschränkt. Schließlich ist das Phänomen Waithood das Ergebnis unseres globalen Wirtschaftssystem und daher ein durch und durch globales Problem.

Wird die junge Generation in der Lage sein, Veränderung zu bewirken? Die Jungen können nicht alle Probleme selbst lösen, gibt Omar Belhaj Salah zu bedenken, weil alte Strukturen und Machtpositionen weiter bestehen bleiben. Genau diese alten Machthabenden müsse man miteinbeziehen und einen Dialog zwischen den jungen Erwachsenen und den bestehenden Entscheidungsträgern ermöglichen.

Sicherlich, Veränderung braucht Zeit. Doch wo alte Strukturen verschwinden ist Raum für Neues. Die Probleme der Waithood müssen von den Jugendlichen selbst gelöst werden. Professor Honwana ist hier ganz Optimistin: „Die Zukunft liegt in den Händen der Jungend“, ist sie überzeugt. 

Karin Brötzner studierte Internationale Entwicklung und Japanologie an der Universität Wien. Sie arbeitet beim WWF Österreich als Assistentin für Kommunikation und Marketing und interessiert sich für Nachhaltigkeit, Medien und (entwicklungs-)politische Themen.

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