Die Konzerne und die Welternährung

Das riesige Gelände der Weltausstellung bot Platz für atemberaubende Architektur und Jahrmarktstimmung, aber keinen für die großen Fragen der Zukunft. Eine kritische Auseinandersetzung mit der EXPO 2015 in Mailand.

© Elfriede Schachner

© Elfriede Schachner

Am 31. Oktober schloss die EXPO 2015 in Mailand ihre Pforten. Die erwarteten 20 Millionen Besucher­Innen wurden um 1,5 Millionen überboten. Auch die italienische Wirtschaft profitierte: Die Expo – so Schätzungen einer italienischen Bank – habe bis zu 0,4% des Wachstums des Bruttoinlandsprodukts 2015 beigetragen. Die Ausstellungsfläche war riesig: Die vielen Pavillons erstreckten sich über mehr als einen Quadratkilometer. Die Wartezeit vor einigen Pavillons betrug bis zu zwei Stunden. Doch war es auch eine große kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Welternährung? Dieses Megaevent stand seit der Eröffnung im Mai unter dem Motto „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Eine der brisantesten Fragen unserer Zeit. Landwirtschaft und Ernährung betreffen uns alle.

Wer ernährt die Welt?

Die Mehrheit der Ausstellungspavillons – es gab solche von Konzernen, von NGOs, die meisten waren Länder-Pavillons mit atemberaubender Architektur – hatte das Thema Welternährung und Ernährungssouveränität nicht aufgenommen bzw.  wenig thematisiert. Es gab kaum eine kritische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsfragen, zum Beispiel, wie ernähren wir die Welt, warum gibt es so viele Hungernde, insbesondere in sogenannten Entwicklungsländern, und Übergewichtige, vor allem in reichen Ländern, oder was bedeutet industrielle Nahrungsmittelproduktion? Auch wenn es spezielle “Cluster” zu Kakao/Schokolade, Kaffee, Gewürzen, Reis und zum Bereich Slow Food gab: für die BesucherInnen der Expo gab es Informationen wie zB Kakaobohnen verarbeitet werden, das Thema Kinderarbeit blieb aber ausgespart. Vielmehr versprühten die Länderpavillons viel touristische Folklore, teilweise Jahrmarktstimmung, und die Messestände wirkten wie eine Werbeplattform und Produktmesse der Konzerne. Lebensmittel- und Saatgutriesen, Agrochemiekonzerne und Fast-Foodketten waren Hauptsponsoren bzw. stellten selbst auf der Expo aus. Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, die Nahrungsmittelkonzerne würden die Welt ernähren.

Hunger hatte keinen Platz

Dass sie das nicht tun, zeigt die Tatsache, dass 800 Millionen Menschen täglich hungrig schlafen gehen müssen. Unterernährung gibt es aufgrund von mangelnder Verteilung und fehlendem Zugang zu Nahrungsmittel, nicht weil zu wenig produziert wird! Die Expo wäre prädestiniert dafür gewesen, sich intensiver mit alternativem Wirtschaften und nachhaltigen Landwirtschaftsmodellen zu beschäftigen, sich über einen Wandel in den Produktions- und Verteilungsmodellen kritisch auseinanderzusetzen und über Umdenkprozesse in der Nahrungsmittelproduktion für eine gerechte und nachhaltige Ernährung der Weltbevölkerung zu diskutieren.

Der Tisch gehört neu gedeckt

Der von der UNO und Weltbank initiierte Weltagrarbericht 2008 ist die bisher umfassendste wissenschaftliche Untersuchung zur Zukunft der Welternährung. Fazit: Weiter zu machen wie bisher ist keine Option, sondern es braucht ein radikales Umdenken. Hunger und Armut können nur überwunden werden, wenn zum Beispiel negative Umweltfolgen minimiert werden und die Artenvielfalt erhalten bleibt. Die heute übliche industrielle Landwirtschaft braucht einen hohen Einsatz von Energie, Dünger und Pestiziden und ist, dem Bericht zufolge, nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr sind kleinbäuerliche und ökologische Anbaumethoden nötig. Saatgutkonzerne verdienen einen Großteil ihres Umsatzes mit Pestiziden und vertreten eine Landwirtschaft, die auf dem hohen Einsatz fossiler Energien und Agrarchemie beruht. Agrokonzerne sind den Kleinbäuerinnen und -bauern im globalen Süden bekannt durch Patente auf Saatgut, Vertreibungen und Biopiraterie. Die Kleinbäuerinnen  und -bauern fordern daher Ernährungssouveränität! Das Menschenrecht auf Nahrung muss über Konzerninteressen und deren Profite stehen!

Unser Fazit: wir haben es satt! Auch die Expo hätte sich viel kritischer mit aktuellen Problemen rund um unsere Ernährung beschäftigen müssen. Der Tisch gehört neu gedeckt: wir brauchen eine faire und nachhaltige Entwicklung!

Mag. Elfriede Schachner, SÜDWIND Geschäftsführerin, Dezember 2015

Elfriede Schachner ist seit 2011 Geschäftsführerin von Südwind. Sie nahm im Rahmen des Südwind-Projekts „Supply Chainge. Make Supermarkets Fair“ am Business Forum in Mailand teil und besuchte auch die EXPO. 

 

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