Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht

C. Hanser Verlag, München 2014, 360 Seiten, € 22,60; TB € 12,40

Sowjetunion, 2. Weltkrieg: „Alles hat für uns seinen Ursprung in dieser schrecklichen Zeit. In unserer Familie ist mein ukrainischer Großvater, der Vater meiner Mutter, an der Front gefallen, meine weißrussische Großmutter, die Mutter meines Vaters, ist bei den Partisanen an Typhus gestorben, zwei ihrer Söhne sind verschollen, von den dreien, die sie an die Front geschickt hatte, kam nur einer zurück – mein Vater. Elf entfernte Verwandte wurden zusammen mit ihren Kindern bei lebendigem Leib verbrannt – manche in ihrer Hütte, manche in der Dorfkirche. So war es in jeder Familie. Bei allen.“

Diese Schilderung stammt von Swetlana Alexijewitsch, der diesjährigen Nobelpreisträgerin für Literatur. „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ wurde bereits im Jahre 1983 geschrieben und behandelt die Rolle von Frauen in der Roten Armee während des so genannten „Großen vaterländischen Kriegs“ gegen die Faschisten. Erscheinen konnte die Arbeit aber erst zwei Jahre später im Zuge der Perestroika. Zuvor erhob die Zensurbehörde Einspruch und Alexijewitsch verlor als angebliche Nestbeschmutzerin ihre Arbeit. Was war passiert? „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ besteht weitgehend aus Interviews und aussagekräftigen Interviewfragmenten von Frauen, die damals an der Front waren. Doch diese Schilderungen unterscheiden sich teils deutlich vom verklärten offiziellen Bild, das der Staat propagierte. Zudem ist dieses Darstellung eine sehr männlich geprägte; Alexijewitsch:

„ Alles, was wir über den Krieg wissen, wissen wir von 'Männerstimmen'. - Wir sind Gefangene der 'männlichen' Vorstellungen und der 'männlichen' Empfindungen. 'Männliche' Worte. Die Frauen schweigen. Denn niemand außer mir hat je meine Großmutter gefragt. Meine Mutter. Selbst diejenigen, die an der Front waren, schweigen. Und wenn sie einmal darüber reden, dann erzählen sie nicht ihren 'weiblichen' Krieg, sondern den 'männlichen'. Passen sich einer ihnen fremden Sprache an – dem festgeschriebenen männlichen Kanon. Nur zu Hause oder im Kreise ihrer Frontfreundinnen weinen sie und reden über ihren Krieg, der mir unbekannt ist. Nicht nur mir, sondern uns allen. Auf meinen Reisen als Journalistin war ich oft Ohrenzeugin, einzige Zuhörerin vollkommen neuer Texte. (…) Nichts über Technik oder Generäle. Die Erzählungen der Frauen sind anders, sie erzählen anders. (…) Der 'weibliche' Krieg hat seine eigenen Farben und Gerüche, seine eigenen Empfindungen und seinen Raum für Gefühle. Seine eigenen Worte. Darin kommen keine Helden und ihre unglaublichen Taten vor, sondern einfach Menschen, die eine unmenschliche menschliche Arbeit tun. Und in diesen Geschichten leiden nicht nur sie (die Menschen), sondern auch die Erde, die Vögel und die Bäume. Die ganze irdische Welt. Leiden ohne Worte...“

Dass in diesen Schilderungen keine „unglaublichen Taten“ vorkommen würden, muss widersprochen werden. Im Gegenteil ist auch dieses Buch voll davon. Fast durchgehend die vielen jungen Mädchen, die bei Kriegsausbruch freiwillig in die Rote Armee strömen. Die darum kämpfen, dass sie direkt an die Front kommen, oft abgelehnt werden, nicht aufgeben. Manche, um die Heimat gegen die Faschisten zu verteidigen, manche um möglichst viele von denjenigen umzubringen, die ihre Angehörigen getötet haben. Schon das Durchleben des Frontalltags muss als Heldentat angesehen werden, sei's als Sanitäterinnen, die ihre verwundeten Genossen plus Bewaffnung aus dem Kampfgebiet schleppten, sei's selbst an der Waffe als Scharfschützin oder im Nahkampf oder sei's der Kampf gegen Müdigkeit, Kälte und das allgegenwärtige Grauen.

Swetlana Alexijewitsch ordnete ihr Interviewmaterial relativ grob: Die Beweggründe der Frauen zur Armee zu gehen, Erfahrungen, Reflexionen, Alltäglichkeiten, Liebe, Kinder, Identität, PartisanInnen, Tod, die letzten Tages des Kriegs, Rückkehr etc. - die Themen überschneiden sich. Auch die von der Zensurbehörde beanstandeten Texte fanden Eingang, sowie diejenigen Texte, die die Autorin ursprünglich ihrer „eigenen Schere im Kopf“ geopfert hatte. Selbst auf diejenigen Frauen, die nicht sprechen wollten/konnten vergisst Alexijewitsch nicht:

„Einmal weigerte sich eine Frau (eine Fliegerin), sich mit mir zu treffen. Sie erklärte mir am Telephon: 'Ich kann nicht. Ich will mich nicht daran erinnern. Drei Jahre im Krieg – ich war drei Jahre lang keine Frau. Mein Organismus war tot. Ich hatte keine Menstruation, kein weibliches Verlangen. Dabei war ich schön. Als mein künftiger Mann mir einen Heiratsantrag machte war das schon in Berlin. Vor dem Reichstag. Er sagte: 'Der Krieg ist aus. Wir sind am Leben. Heirate mich.' Da wollte ich weinen. Schreien. Ihn schlagen! Wie – heiraten? Jetzt heiraten? Sieh mich doch an – wie sehe ich denn aus? Mach erst einmal eine Frau aus mir: Schenk mir Blumen, bemüh dich um mich, sag mir schöne Worte. Das wünsche ich mir so sehr! Ich hätte ihn beinah geschlagen... Ich wollte ihn schlagen. Aber seine Wange war puderrot, verbrannt, und ich sah: Er hat alles verstanden, ihm laufen Tränen über die Wange – über seine frischen Narben... Ich traute meinen eigenen Ohren nicht, als ich sagte: 'Ja, ich heirate dich.'“

Alexijewitsch' Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ hat aber auch für uns hier, die wir auf dem Boden des einstmaligen nationalsozialistischen Großdeutschland leben, eine besondere Bedeutung. Nach wie vor ist wenig über den faschistischen Eroberungskrieg aus sowjetischer Sicht bekannt bzw. sind auch die damaligen dort verbrochenen Massaker weit davon entfernt, in unser kollektives Bewusstsein Eingang gefunden zu haben. Selbst Literatur gibt es dazu relativ wenig, was Alexijewitsch' Buch umso teurer für uns macht. Immer wieder tauchen zur Gänze niedergebrannte Dörfer auf, Massenerschießungen, Kinder die den Faschisten als Zielscheibe dienen oder die einfach in Brunnen geworfen werden. Die Partisanenärztin Maria Wassiljewna Pawlowez: „Ich erinnere mich, wie ein verwundeter deutscher Soldat die Hände in die Erde krallte, er hatte Schmerzen, doch ein russischer Soldat sagte zu ihm: 'Hände weg, das ist meine Erde! Deine ist da, wo du hergekommen bist...“

„Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ - ein Buch von Swetlana Alexijewitsch, das unter die Haut geht und das wir unbedingt weiterempfehlen!

http://www.hanser-literaturverlage.de/themen/literaturnobelpreis
 

Lesetipp 1:

Wer sich das Buch besorgt ist gut beraten mit den ersten Interviews von Seite 61 – 133 zu beginnen und danach erst die Einleitung zu lesen. So kippt man direkt ins Buch und kann die erläuternden Texte der Einleitung besser einordnen.

 

Lesetipp 2:

So heftig die Lektüre auch ist, so zeichnen sich Alexijewitsch' Stil und Inhalte doch auch durch einen besonderen „Suchtfaktor“ aus. Den LeserInnen wird es wahrscheinlich nach mehr verlangen. Voriges Jahr erschien, ebenfalls im C. Hanser Verlag, ihr Buch „Die letzten Zeugen – Kinder im zweiten Weltkrieg

 

Autor: Thomas Divis, Dez. 2015

 

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