Die Griqua in Südafrika: Ohne Land im eigenen Land

Land ist viel mehr als nur physischer Besitz. Soziale, politische, kulturelle und emotionale Aspekte schnüren dicke Bande zwischen Menschen und ihrem Grundbesitz. Das Kappen dieser historisch gewachsenen Verbindungen hinterlässt tiefe, kollektiv blutende Wunden. Der Film „What is a people without land?“ nähert sich dem Thema wie eine Meditation: Stimmungsvoll, ruhig, gelassen und dennoch voller Bedeutung und Emotion.

© Erwin Schweitzer, Kathrin Gradt, Martin Lintner

© Erwin Schweitzer, Kathrin Gradt, Martin Lintner

Südafrika. Wer vor der Kamera einen hysterischen Reporter, von der Exotik der realpolitischen Probleme der Griqua völlig enthusiasmiert und empört erwartet - man kennt das aus gängigen TV-Reportagen - der irrt natürlich. In „What is a people without land?“ kommen vor allem Betroffene selbst zu Wort. Kwazulu-Natal-Land: Ein verrostetes, zurückgelassenes Automobil in einem weiten, von sanften Hügeln bestimmten Gelände. Schwer wiegt das hüfthohe Gras im Wind. Kühe und Schafe weiden, Zikaden zirpen in dieser von Menschenhand erschaffenen blassgrünen Kulturlandschaft. Zwei Griqua-Männer pflanzen einen Baum. Er soll die Zeit überdauern und ihren Kindern und deren Nachfahren Zeugnis sein. Zeugnis für das Jahrhunderte alte Leben und Wirken der Griqua auf diesem Land. Einem Land, das ihnen zu großen Teilen längst nicht mehr gehört. Ein Baum wie ein Mahnmal. Ein Lesezeichen in den Geschichtsbüchern Südafrikas zur Erinnerung an Vertreibung und Raub. Hier stecken zwei Männer ihren Claim ab: Wo nichts ist, da kann nichts bleiben denken sie sich. „Wir wollen nur unseren fairen Anteil.“ Die indigene Minderheit der Griqua will von ihrem Recht Gebrauch machen und fordert von der südafrikanischen Regierung ihre Ländereien zurück, die ihnen seit der Apartheid genommen wurden. Man ahnt bereits, dass dieses Unterfangen ein langwieriges ist.

Kapstadt: Eine Wissenschaftlerin erklärt, warum der Kampf der Griqua ein ungleicher Kampf gegen eine statische Bürokratie ist, die den zermürbenden Faktor Zeit auf ihrer Seite hat: Mit Einführung der Demokratie 1994 wurde eine Landreform eingeführt, die den enteigneten indigenen Gruppen versprach, ihr Land zurück zu bekommen oder stattdessen eine Kompensationszahlung zu erhalten. Angesichts der Komplexität dieses Verfahrens, war es vielen betroffenen unmöglich, diese Anträge zu stellen oder ließen sich in Anbetracht der schier unüberwindlichen Bürokratie entmutigen und entschieden sich für Kompensationszahlungen oder warten ganz einfach heute noch auf eine Entscheidung.  Hinzu kommt eine in vielen Belangen überforderte Behörde, welche selbst zum Opfer ihrer eigenen Behäbigkeit wird. Die Verfahren sind einem Stillstand ausgesetzt, der mit der sprichwörtlichen Geduld des Papieres Betroffene überdauern wird. Um diesem Status Quo entgegen zu wirken, sind die Kommunen der Griqua gezwungen, mit den bescheidenen Mitteln einer Minderheit ihr Recht einzufordern. 

Verlorene Identität, vertriebene Seelen

„Hier trampeln Kühe anderer Farmer über die Gräber unserer Ahnen. “ Wer mit Gewalt seines Landes beraubt wird, dem wird nicht nur Grund und Boden genommen, jene werden um ihre Identität, ihre Tradition, ihr Selbstvertrauen, ja um ihre Zukunft und Vergangenheit gebracht. „Gebt mir kein Brot, gebt mir Land!“ Ihr Boden ist ihre Existenz, ihre Geschichte, hier liegen ihre Ahnen begraben. Ein alter Griqua mit weißem, krausem Bart, sein Haupthaar unter einer Wollmütze versteckt, malt auf weißem Untergrund pittoreske Landschaften. Sie sind der Graslandschaft in Kwazulu-Natal nicht unähnlich. „Sie kamen 1965, markierten unsere Häuser mit weißen Kreuzen und vertrieben uns von unserem Besitztum. Sie töteten unsere Sprache, unserer Kunst, unsere Kultur. Ein Griqua ohne Land ist ein nackter Griqua. Dem nicht genug, beseitigten sie unseren Namen. Seit damals nennen sie uns Kap-Farbige.“: Kategorisierung und Anonymisierung, von einem zynischen Machtapparat bewerkstelligt. Verstörendes Elend einer bevormundeten Minderheit. Die Regierung bleibt trotz allem schwerfällig in ihren Entscheidungen. Allein die Gesichter der Griqua bleiben als Spiegel beraubter Seelen zurück. Verzweiflung und Resignation sprechen aus ihnen. Aber auch Hoffnung, Widertand, Würde und Geduld. Viel Zeit ist vergangen, seit dem Versprechen ihrer Regierung. Viel Zeit wird noch vergehen. „Ich muss noch 110 Jahre alt werden, um das zu erleben. Gebt uns unser Land, dann gebt ihr uns unsere Kultur zurück.“

Ein Funke Hoffnung?

Ratelgat ist nicht nur eine Farm. Ratelgat ist Prophezeiung, kulturelles Erbe, Pilgerstatt und heiliger Ort zu gleich. Ein Zeichen des guten Willens der südafrikanischen Regierung. Ganz wie es die Prophezeiung voraussagte. „Hier sind wir stolz und selbstbewusst. Hier tanken wir Kraft. Wir wollen keine Insel innerhalb Südafrikas sein, wir wollen Teil davon sein.“ Griqua, Jung und Alt, stehen an ihrem heiligen Ort, am Ort ihrer Hoffnung und besingen gemeinsam Gott und eine bessere Zukunft. Ob Ratelgat mehr als ein kulturelles Placebo sein wird, ob es als Geschenk Evidenz für Fortschritt in dieser für Südafrika so eminent wichtigen Frage sein wird, wird die Zukunft zeigen.

„What is a people without land? Griqua und ihr Kampf um Land im Neuen Südafrika“ kommt ganz ohne Musik aus. Das passt perfekt in das Konzept eines im besten Sinne bescheidenen Filmes, der eine sensible Problematik genauso, nämlich sensibel, aufnimmt, auf offensive Polemik und Effekthascherei verzichtet und sich dafür entscheidet, die Geschichte der Griqua leise zu erzählen. Diese Stille verleiht dem Dokument die Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit, die dieses Thema verdient. Weniger ist mehr. Die Weite des südlichen Afrikas, in lyrischen Bildern festgehalten und die erzählerische Strahlkraft der Protagonisten sind Träger dieses Films, der wie die Augen der alten Griqua intellektuelle und emotionale Tiefe besitzt. Er zeigt, dass Land mehr als nur materieller Besitz ist. Es bemächtigt zur Eigenbestimmung, steht für kulturelle und soziale Verbindungen. Auswirkungen bei Landraub sind dementsprechend über ökonomische Parameter hinaus zu denken. Die Folgen können oft schwerwiegend für ganze Generationen sein. Denn Armut und Bevormundung werden wie Grundstücke auch, meist vererbt.

Tobias Natter im November 2015

Ein Dokumentarfilm von Erwin Schweitzer, Kathrin Gradt und Martin Lintner (60 min / Originalfassung mit deutschen Untertiteln)

Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=TDxump6xecs

Die vom Autor besuchte Filmpräsentation „What is a people without land? Griqua und ihr Kampf um Land im Neuen Südafrika” fand am 27.10.2015 im Institut für Afrikawissenschaften in Wien statt.

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien

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