Bei den Bhikkhunis– Alltagsrealitäten eines Nonnenklosters im Norden Thailands

Während die volle Ordination von Frauen in Mahayana-buddhistischen Ländern wie Vietnam oder Nepal normal und anerkannt ist, ist diese in Thailand und anderen Theravada-buddhistischen Ländern umstritten. Frauen in orangen Roben sind daher in ein neues und (noch) ungewohntes Phänomen in Thailand.

Nonnen des Bhikkhuni-Klosters ‚Nirotharam‘

Nonnen des Bhikkhuni-Klosters ‚Nirotharam‘

Es ist 6.30 Uhr morgens in einem Dorf im Norden Thailands. Die kleinen Straßen, umgeben von Reisfeldern, sind in diesen frühen Morgenstunden nahezu menschenleer. Eine Frau mit glattrasiertem Kopf in oranger Robe gekleidet steht barfuß am Straßenrand. In ihren Händen hält sie eine Metall-Schale. Ein Mann legt vorsichtig ein Säckchen Reis in die Schale. Anschließend faltet er die Hände vor seinem Gesicht und verbeugt sich leicht. Er kniet nieder, während die Nonne mit buddhistischen Gebetsgesängen ihren Segen ausspricht.

Ein ungewöhnliches Bild in Thailand. Üblicherweise sind es Mönche in orangen Roben, die morgens die Almosen von den Familien entgegen nehmen. Frauen sieht man in weißen Roben, jedoch nur selten außerhalb des Klosters, da die so genannten „mae chi“ keine Almosen-Gänge machen.

Schwieriger Start

Nonnen in orangen Roben gibt es in Thailand erst seit der Einführung des Ordens durch die Pionierin Ven. Dhammananda in 2003. Zwölf Jahre später sind es bereits über hundert voll-ordinierte Nonnen, die im Land verteilt leben. Eine beachtliche Zahl, wenn man die erschwerten Bedingungen der Ordination bedenkt: die Nonnen müssen für den Eintritt in den Orden nach Sri Lanka reisen um die Ordinationszeremonie dort durchzuführen. Eine Ordination in Thailand ist bislang nicht bzw. nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich. Dies ist u.a. auch politisch begründet: Nonnen werden von der thailändischen Regierung nicht als Mitglieder der buddhistischen Gemeinschaft anerkannt. Deshalb wird den Nonnen – anders als den Mönchen – kein Zugang zu freier medizinischer Versorgung und keine kostenfreie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel gewährt.

In der Provinz Chiang Mai in Nordthailand befindet sich derzeit die größte Bhikkhuni-Gemeinschaft des Landes. Hier leben in den zwei Klöstern ‚Nirotharam‘ und ‚Suddhajit‘ (auch Nirotharam 2 genannt) insgesamt 26 Bhikkhunis und etwa 20-25 Novizinnen. Sie pflegen regelmäßigen Kontakt mit den umliegenden Mönch-Klöstern und genießen deren Unterstützung. So meint ein Mönch: „Die Praxis der Nonnen ist gut und damit unterstützen sie die Lehre Buddhas. Warum sollte man das unterbinden (oder einschränken?) wollen?“

Die positiven Reaktionen der Mönche und der BewohnerInnen in der Umgebung wird von den landesweiten und internationalen Debatten über die Anerkennung der Nonnen überschattet. Gegner der Nonnen in orangen Roben argumentieren, dass die technischen Voraussetzungen der Ordinationszeremonie nicht nach den Regeln des Buddha durchgeführt werden können, und daher die Nonnen keine Berechtigung hätten die orangen Roben zu tragen. Andere argumentieren, die Motivation der Frauen zu ordinieren wurzelt im Streben nach Ansehen anstatt im reinen Wunsch die Lehre des Buddha zu praktizieren.

BefürworterInnen der Ordination für Frauen beziehen sich auf die buddhistischen Schriften in denen der Buddha die Ordination für Frauen erlaubte sowie auf die ordnungsgemäße Durchführung der Ordination, da die Nonnen in Sri Lanka alle Voraussetzungen erfüllen würden, andere Frauen als Nonnen zu ordinieren. Bei der Ordination ginge es nicht um gesteigertes Ansehen durch die Farbe der Roben, sondern um die Möglichkeit einer intensiveren Praxis.

Nonnen in weißen Roben und in orangen Roben – was ist der Unterschied?

Die so genannten „mae chi“ (in weißen Roben) halten sich an acht Klosterregeln: nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, keinen Geschlechtsverkehr, keinen Alkohol und keine Drogen, kein Essen nach 12 Uhr mittags, nicht in hohen komfortablen Betten schlafen und kein „Entertainment“ (Musik, TV, Unterhaltungen). An dieselben Regeln halten sich auch die BesucherInnen des Klosters. Symbolisch drückt die weiße Farbe der Roben die Zuordnung zur nicht-monastischen Gemeinschaft aus.

Voll-ordinierte Nonnen befolgen 311 Regeln, die in den buddhistischen Schriften (Vinaya) für Frauen festgelegt sind. Diese Regeln beinhalten genaue Vorgaben des alltäglichen Verhaltens und sind den Regeln der Mönche sehr ähnlich (Mönche halten sich an 227 Regeln). Eine der Regeln gibt beispielsweise vor: Nahrung darf nur dann aufgenommen werden, wenn diese offeriert wurde, wie es u.a. durch die morgendliche Almosen-Runde praktiziert wird. Eine weitere Regel untersagt die Verwendung von Geld. Somit hängen die Nonnen und Mönche vollständig von der Großzügigkeit ihrer UnterstützerInnen ab. Die Regeln gelten als Hilfestellung für die Verminderung von negativen Eigenschaften wie Gier, Hass und Verblendung. Die Minderung dieser Qualitäten und die Verstärkung ihrer Gegenstücke Großzügigkeit, liebende Güte und Weisheit gelten als Weg zum Nirvana, der Beendigung allen Leids.

Siri ist 20 Jahre alt und lebt als  Nonne in Suddhajit. Sie erklärt mir: „Erst mit der Ordination kann ich richtig Teil der buddhistischen Gemeinschaft werden.“ Wenige Wochen darauf empfing sie ihre Ordination als Novizin in Sri Lanka und kehrte in orangen Roben nach Thailand zurück. „Ich möchte dem Weg des Buddha folgen und so praktizieren, wie er es für Frauen vorgesehen hatte“, sagt die 20-jährige Nonne. Sie wünscht sich, dass diese Möglichkeit in Zukunft auch anderen Frauen offensteht. Siri kommt ursprünglich aus Deutschland. Nachdem sie insgesamt dreieinhalb Jahre lang als mae chi in Thailand und in Deutschland lebte, schlussfolgert sie: „ Wenn ich als mae chi in ein Kloster komme weiß ich nicht, was auf mich zukommt, weil die Aufgaben willkürlich vom Abt oder der Äbtin bestimmt werden können. Es gibt keine klaren Regeln für mae chi. Auch die Position in der Gemeinschaft hängt vom Abt oder der Äbtin ab.“ Sie erklärt weiter, dass es zu Buddhas Zeiten keine „mae chi“ gab, sondern nur voll-ordinierte Nonnen (Bhikkhunis) und daher gibt es für letztere keine einheitlichen Regeln. Nonnen („mae chi“) leben in Thailand üblicherweise in Mönchsklöstern und werden dort vom Abt für unterschiedlichste Aufgaben eingeteilt. Diese reichen von Kochen und Putzen, über Gartenpflege bis hin zur Meditationseinführung und Begleitung von BesucherInnen. Im Bhikkhuni-Kloster Nirotharam ist das anders: hier gibt es einen klar geregelten Tagesablauf für die Nonnen, damit genügend Zeit für Meditation und Dhamma-Lehre bleibt.  Genau diese Strukturen erleichtern die Praxis enorm, meint Siri: „Die Dhamma Praxis hängt nicht von der Farbe der Roben ab, aber als ordinierte Person in einer Gemeinschaft mit klaren Strukturen und mehr Regeln zu leben, bereitet gute Bedingungen für eine intensivere Praxis.“

Bhikkhuni Munissara erklärt: „Der große Unterschied, wenn man als Novizin ordiniert und in den orangen Roben praktiziert, ist, dass man die Regel einhält, kein Geld zu verwenden. Ich kann nicht einfach etwas kaufen, sondern bin von der Gemeinschaft abhängig. Alles was uns von den UnterstützerInnen gegeben wird ist hart erarbeitet und daher gehen wir sparsam damit um.“ Zu den üblichen Gaben der BesucherInnen gehören Kosmetikartikel wie Seife und Toilettenpapier, Nahrungsmittel oder Geldspenden.

Die 37-jährige Bhikkhuni Munissara findet die Regel, nach 12 Uhr mittags nicht mehr zu essen besonders hilfreich. „Dadurch kann ich meine Gier beobachten und diese reduzieren anstatt der Gier blind nachzulaufen und dadurch das eigene Leiden zu verstärken.“ Gier ist laut buddhistischer Lehre die Ursache allen Leidens.

Das betont auch die leitende Nonne beider Klöster, Bhikkhuni Nantayani, immer wieder in ihren Dhamma Reden: Wo keine Gier ist, da ist auch kein Leid. (Thailändisch: „mai yaag, mai thuug“). Sobald ‚wollen‘ aufkommt, ist das schon Leiden: Wenn ich es nicht habe, leide ich, weil ich es nicht habe. Wenn ich es habe, leide ich wenn ich es wieder verliere, was unausweichlich ist, da laut buddhistischer Lehre alles vergänglich ist. Bhikkhuni Nantayani regt daher die Nonnen dazu an, jede Möglichkeit zu nutzen, Gier zu reduzieren. Sie rät vor allem dazu, die eine tägliche Mahlzeit als Praxis zur Reduktion von Gier zu nutzen: „Wenn ihr euch dabei beobachtet, ein Essen oder ein Getränk sehr zu genießen, dann stoppt es, denn schon diese Empfindung ist die Wurzel von Leid.“

Einige BesucherInnen und Mönche aus der Region beschreiben die Praxis der Nonnen als strikt: Sie essen nur einmal pro Tag, und nur vegetarisches Essen und verbringen täglichen einige Stunden mit dem Studieren von buddhistischen Schriften und Pali, der Sprache des Buddha. Die leitende Nonne, Bhikkhuni Nantayani, erklärt: „Wir sind Pionierinnen. Wir müssen ein gutes Vorbild für die nächste Generation der Nonnen sein und versuchen unsere Praxis ständig zu verbessern.“

Bhikkhuni Munissara betont den größeren Kontext der aktuellen Bhikkhuni Bewegung: „Vor allem jetzt in der Anfangszeit des Bhikkhuni Ordens in Thailand geht es darum, Strukturen zu schaffen, die Frauen die Möglichkeit bieten, unter guten Bedingungen zu praktizieren.“ Bhikkhuni Nantayani, ist überzeugt: „je mehr wir unsere eigene Praxis verbessern, desto mehr werden wir in unserem Umfeld anerkannt. Solange es Gegenstimmen gibt, dürfen wir nicht aufhören, unsere Praxis weiter zu verbessern.“

Es ist anzunehmen, dass die offizielle Anerkennung der Nonnen in Thailand noch einige Zeit brauchen wird, angesichts der Gegenstimmen einiger angesehener Mönche, die über Entscheidungsmacht zu Belangen der buddhistischen Gemeinschaft verfügen. Die steigende Anzahl der Nonnen und steigende Anerkennung in der Region zeigt eine Tendenz in Richtung weiterer Vergrößerung der Nonnen-Gemeinschaft. Insbesondere wenn in den nächsten Jahren Ordinationen in Thailand durchgeführt werden, ist ein weiterer starker Zuwachs der Nonnen zu erwarten.

Carina Pichler, Dezember 2015

Carina Pichler forscht seit Abschluss des Diplomstudiums der Internationalen Entwicklung 2014 im Rahmen ihrer Dissertation in Kultur- und Sozialanthropologie in Thailand zu buddhistischen Nonnen. Aufgrund der Forschungsarbeit wohnt sie derzeit teils in Thailand und teils in Österreich.

 

 

 

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook