Heinz R. Unger: Proletenpassion ff.

Mandelbaum Verlag, Wien 2015, 199 Seiten, € 19.90

Die "Proletenpassion" ist eines der bemerkenswertesten Zeugnisse musikalischer Populärkultur der zweiten Republik.

Die Texte stammen von Heinz Rudolf Unger, die Musik von Georg Herrnstadt und Willi Resetarits. Die musikalische Umsetzung geht auf Konto der Schmetterling.

Die Proletenpassion ist ein Musiktheater. Sie behandelt unsere mitteleuropäische Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Man orientiert sich dabei an der marxistischen Geschichtsauffassung, die die menschliche Geschichte als Folge von Klassenkämpfen interpretiert. Behandelt wird der deutsche Bauernkrieg, die Französische Revolution, die Pariser Kommune (die 1871 der erste, unbewußte, Versuch einer kommunistischen Machtergreifung war), die Oktoberrevolution in Russland, der deutsch-österreichische Faschismus und die Gegenwart. Das Material wurde sowohl textlich als auch musikalisch trefflich umgesetzt. Hören Sie hier als Beispiel das Lied vom aufstrebenden Kapitalisten am Vorabend der Revolution von 1789, gefolgt von einem aufklärerischen Dialog zwischen Bürger und Philosophen:

Mächtelmöchtel


Dialog Bürger/Philosoph

So einfach, weil konkret, können große Fragen der Menschheit beantwortet werden.

Ein besonderes Augenmerk wird in der Proletenpassion auf Kontinuitäten gelegt, etwa was die Lernfähigkeit der unteren Klassen  anbelangt. Diese entwickelte sich über Jahrhunderte und durch sie konnten nach der Russischen Revolution erstmals die ehemals Deklassierten über einen längeren Zeitraum die Macht übernehmen. Ihre Einigkeit im Kampf war eines der wichtigsten Momente zu diesem Erfolg, wie auch die fehlende Einigkeit zwischen SozialdemokratInnen und KommunistInnen wesentlich zum Erfolg der Nazis beitrug.

Die Proletenpassion wurde 1976 uraufgeführt und erschien ein Jahr später auf Tonträger (damals Tripel-LP, heute Doppel-CD). Diese Version endete mit einem Blick auf den faschistischen Putsch in Chile und Reflexionen zur damaligen Situation in Österreich.

Seit Anfang 2015 gibt es nun eine aktualisierte Version ("Proletenpassion ff."), die im Wiener Avantgardetheater Werk X mit neuer Besetzung vorgestellt wurde. Zeitgleich erschien auch das Buch "Proletenpassion ff." von Heinz R. Unger. Es beinhaltet neben allen Texten der originalen Tonträger-Fassung auch viel Material, das damals der Schere zum Opfer fiel, um die Arbeit zu straffen. Das Gegenwartskapitel wurde nun freilich völlig überarbeitet und handelt jetzt von Neoliberalismus, Hedge-Fonds & co. Es findet seinen gelungenen Abschluß in dem Lied von der "Scheibenwelt", welches nochmals auf die historische Relativität von Herrschaftsverhältnissen hinweist:
 

Tausend Jahre Fürst und Kaiser,
und die Völker waren lenkbar,
absolute Herrschaftshäuser,
anders war es gar nicht denkbar.
Tausend Jahre Untertanen
buckelten vor Thron und Gold.
Konnten unsre Ahnen ahnen,
all das wär nicht gottgewollt?

(...)

Heute sind wir aufgeschlossen,
schließlich sind wir ganz Moderne,
und wir glauben großen Bossen
und an die Allmacht der Konzerne
und an die globalen Zocker,
denen wir die Krise danken,
und wir zahlen auch ganz locker
die Sanierung unsrer Banken.

 

Wermutstropfen beim Buch sind eine oft schlechte Beschreibung der Illustrationen und mancher Texte. So erfährt man beispielsweise nicht, dass "Jelka", die Protagonistin des gleichnamigen Liedes, eine historische Persönlichkeit war, nämlich Partisanin in Kärtnen, von der es auch eine überaus spannende Autobiographie gibt *. Doch das sind Randnotizen; empfehlenswert bleibt die Arbeit freilich allemal: Wer die Proletenpassion nicht kennt, verpaßt ein ganz hervorragendes Exponat österreichischer Gegenwartskultur. Die intelligente Meisterung des Stoffes fasziniert auch Jahrzehnte nach Erscheinen immer wieder aufs neue und die musikalische Umsetzung hat nichts an Power und Frische verloren.

Lesenswert ist übrigens auch der ausführliche Wikipedia-Beitrag zur Proletenpassion: https://de.wikipedia.org/wiki/Proletenpassion
 

www.mandelbaum.at
 

Autor: Thomas Divis, Jänner 2016

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*  Th. Busch/B. Windhab: Jelka – aus dem Leben einer Kärntner Partisanin; zu beziehen über die Kooperative Longo Mai, Lobnig 16, 9135 Eisenkappel

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