Acrassicauda: Die außergewöhnliche Geschichte einer außergewöhnlichen Band

Acrassicauda ist der Name einer Trash Metal-Band. Die Bandmitglieder sind allesamt irakische Kriegsflüchtlinge, ihre Musik erzählt vom Leben im Spannungsfeld ideologischer Konflikte.

Die vier Schwermetaller sind Vertreter all jener <br> musikalischen Subkulturen die nicht gehört werden.

Die vier Schwermetaller sind Vertreter all jener
musikalischen Subkulturen die nicht gehört werden.

Jede Band ist mehr als „nur“ ihre Musik,  und – wie man so schön sagt – mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Ein ganz großer Teil ist dabei immer auch die Historie einer Band bzw. ihrer ProtagonistInnen. Sie definiert das Schaffen eines jeden Musikers. Sie skizziert warum wer weshalb wie Musik macht. Wäre Liam Gallaghers Benehmen auf- und abseits der Bühne dasselbe exaltierte ohne seine schwierige Adoleszenz? Hätte Mister James Hetfield The God that Failed geschrieben, ohne die biografischen Erlebnisse, die ihn prägten; wären seine Riffs ähnlich zornig ausgefallen? Die musikalische Substanz einer Band ist quasi die Projektion ihrer Geschichte und ihre Geschichte das Substrat ihrer musikalischen Substanz. Jeder geht mit seiner Geschichte anders um, auch im musikalischen Sinne. Der eine leise, der andere laut. In der Rockmusik – und hier besonders im Heavy Metal – passiert das bekanntlich meist laut und zornig. Nichts ist befreiender als all den Zorn, die Wut, Verzweiflung und Angst hinaus zu brüllen. Das gilt für die InterpretInnen genauso wie für die RezipientInnen. Letztere brauchen nur im trauten Heim die Anlage aufzudrehen, schon können sie in den Chor miteinstimmen. Man hat vielleicht ähnliches durchgemacht, fühlt sich verstanden, teilt den Weltschmerz. Das eint: Katharsis mit ordentlich Dezibel. Nur: Was, wenn all der Weltschmerz bittere Realität ist? Was, wenn Musik und Text Ausdruck von Krieg und Verzweiflung sind, am eigenen Leibe selbst erlebt? Dann ist Musik, dann ist Heavy Metal die Manifestation einer Bandbiografie, die es wahrlich wert ist, erzählt zu werden: Die der irakischen Metalband Acrassicauda.

Metall gewordene Angst

Bagdad, Irak, 2003. Es herrscht Krieg. Die US-amerikanische Armee will den irakischen Diktator Saddam Hussein beseitigen. Was dies für die BewohnerInnen Bagdads bedeutet ist klar: Der Stadt und ihren BürgerInnen fetzen Kugeln und Bomben um die Ohren, von allen Seiten. Die vor langer Zeit  als „Stadt des Friedens“ gegründete Metropole am Tigris liegt in Schutt und Asche. Pures Entsetzen und Angst greifen um sich. Nach Kriegsende,  noch im selben Jahr, versinkt das arg gebeutelte Land in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Fortan versuchen politische und religiöse Gruppen aller Art, die Gunst der Stunde zu nützen und das Machtvakuum zu besetzen. Was folgt, sind unzählige Terroranschläge und Gewaltkriminalität. Die Opfer sind, wie zuvor auch, meist unschuldige ZivilistInnen. Mitten unter ihnen vier junge „Metalheads“ mit nur einem Wunsch:  Rocken als ob´s kein Morgen gäbe. Die beklemmende und preisgekrönte Dokumentation „Heavy Metal in Baghdad“ erzählt die berührende Geschichte von Acrassicauda.

Firas, Tony,  Marwan und Faisal sind Anfang 20. Um sicher zu ihrem Proberaum zu gelangen, tragen sie Handfeuerwaffen zum Selbstschutz. Ihre Musik ist nicht nur Passion, sie ist ein bewusst gewähltes Werkzeug, um die Schrecken des Alltags vergessen zu machen.

Einer der vier meint: „We are living in a Heavy Metal World“, und stellt damit den Konnex zwischen ihrer Musik und ihrer Realität her: Diese Worte reflektieren die Fleisch gewordene, oder besser gesagt Metall gewordene Angst vor dem Tod im Krieg. Heavy Metal ist hier nicht nur Musik, er ist auch Synonym für die metallenen Bomben, die vom Himmel fallen.

Das Kamerateam begleitet die sympathischen Jungs, unterbrochen durch monatelange, kriegsbedingte Drehpausen, durch ihren verstörenden Alltag: Die Mitglieder von Acrassicauda erhalten Morddrohungen von Fundamentalisten – ihre langen Haare und Metallica-T-shirts machen sie zu deren Zielscheibe; ihr Proberaum wird durch einen Bombeneinschlag in die Luft gejagt; die wenigen Konzerte, die sie spielen können und dürfen, finden vor wenigen Freunden in geheim gehaltenen Locations, unter zum Teil enormen Sicherheitsvorkehrungen statt (das Misstrauen des militärischen Sicherheitspersonals ist groß, für die einen ist man „westlicher“ Verräter, für die Besatzer potentieller Terrorist). Mit Hilfe des Filmteams können sie für ein paar Stunden den Krieg und seine Gräuel vergessen, spielen endlich wieder ein Konzert und feiern eine frenetische Heavy Metal Party. Später wird sich die Band längere Zeit nicht mehr sehen, es wird zu gefährlich werden, die Häuser zu verlassen. Irgendwann wurde dann klar, so erzählen sie den Filmemachern bei deren nächsten Besuch, dass es hier nicht mehr auszuhalten war, ihre Verzweiflung hatte das Höchstmaß erreicht. Die Band entschließt sich, nach Syrien zu fliehen. Die „Heavy Metal Refugees“ beginnen eine acht Jahre andauernde, gefährliche Flucht, die sie schlussendlich bis in die USA führt. Der Kontakt zum Filmteam reißt inzwischen über längere Zeit ab.

Musiker trotz allem?

New Jersey, 2015. Acrassicauda veröffentlichten nach einer Crowdfunding-Kampagne ihr erstes Studioalbum „Gilgamesh“. Trotz aller Widrigkeiten, die Bandmitglieder haben ihren Traum auch als Kriegsflüchtlinge nicht aufgegeben. Zwischen ihrer gelungen Flucht und Gilgamesh stehen drei US-Tourneen, ein Album, Musikvideos und über 24.000 Facebook-Fans. Acrassicauda haben es geschafft. Sie sind musikalisch und optisch kaum wiederzuerkennen. Gilgamesh ist Acrassicaudas Vertonung des gleichnamigen Epos, ihr Oratorium zur legendären Thematik: Eine antike Erzählung aus altbabylonischer Zeit über die Sterblichkeit des Menschen, den Sinn des Lebens und die Liebe. Gilgamesh, das ist bei Acrassicauda Trash Metal mit orientalischem Ambiente.

Arassicauda sind Speerspitze einer ganzen Generation junger Musiker, deren Träume und Hoffnungen sich auch vor Krieg und Terror nicht beugen. Ihre Geschichte erinnert uns daran, dass vielen nicht erlaubt ist zu tun, was wir in Europa für selbstverständlich halten: Die Freiheit Musik zu machen oder zu hören wie es uns gefällt, ohne dafür verfolgt und ermordet zu werden. Denn genau das ist im heutigen Irak immer noch gang und gäbe. Und doch, auch abseits der „westlich“ dominierten Populärkultur wird in anderen Teilen der Welt gerappt und gerockt. In Bangladesch, Nigeria oder im Irak.

Über Grenzen hinweg

Oft wird ja davon geschrieben, wie Musik Grenzen niederreißt; Acrassicauda haben genau das getan: Grenzen mit ihrer Musik eingestampft. Sie sind der Beweis, dass kulturelle Unterschiede nur oberflächlicher Natur sind. Die grundlegenden Bedürfnisse sind immer dieselben. Und weil es hier um Heavy Metal geht: Das Bedürfnis und Recht zu „rocken bis zum Abwinken“ hat für alle zu gelten. Acrassicauda haben durch Hände ausländischer SoldatInnen Freunde verloren. Ausländische SoldatInnen durch irakische Hände ihr Leben gelassen. Während Menschen verschiedener Nationen sich gegenseitig hassen, sind Acrassicauda schon längst durch die USA getourt, haben mit Leuten aus aller Welt gemeinsam sich selbst und ihre Musik gefeiert. Heavy Metal: Musik die Grenzen einreißt.

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien

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