Raymond Briggs: Ethel & Ernest - Eine wahre Geschichte

Reprodukt, Berlin 2015, 104 Seiten, € 20,60



Caterina Sansone/Alessandro Tota: Palatschinken - Die Geschichte eines Exils
Reprodukt, Berlin 2015, 191 Seiten, € 24,70



Im Reprodukt Verlag erschienen sind zwei Bücher, in denen die AutorInnen die Lebensgeschichte ihrer Eltern nachzeichnen. Es ist jeweils eine Geschichte von unten, eine Geschichte der "kleinen Leute", deren Leben durch die politischen Ereignisse des 20sten Jahrhunderts aus den Fugen gerät.

Die Haupt-ProtagonistInnen kommen aus der Arbeiterklasse. Im Falle von "Palatschinken" ist das das kroatisch-italienische Proletariat und "Ethel & Ernest" stammen aus der britischen Unterschicht. Ihr Sohn ist der bekannte Kinderbuchillustrator Raymond Briggs, der seinen Eltern hier ein Denkmal setzt. Vater Ernest war Milchlieferant, Mutter Ethel Stubenmädchen und nach der Hochzeit Anfang der 1930er Jahren Hausfrau. Sohn Raymond, der 1934 zur Welt kommt, dokumentiert die Träume seiner Eltern, die kleinen Fortschritte im materiellen Leben und ihre mitunter naiven Reflexionen der politische Geschehnisse. Die Lebensumstände werden meist durch lapidare Wortwechsel treffend illustriert, wie etwa hier in einem Gepräch zwischen Ernest und Ethel eines Abends im Wohnzimmer des jungen Paares:

Ernst (mit Zeitung): Hier steht: "Die Armutsgrenze für eine Durchschnittsfamillie liegt bei 6 Pfund pro Woche..."
Ethel: Was ist die Armutsgrenze?
Ernest: Keine Ahnung. Ich wär froh, ich hätt 6 Pfund pro Woche.

Der Alltag, auch der unter den besonders schweren Bedingungen des Krieges und der Nachkriegszeit, ist das eigentliche Thema von Briggs Arbeit. Es ist dies der Alltag seiner Eltern, wie er von vielen Millionen Menschen geteilt wurde. Neben den gesellschaftlichen Veränderungen sind es besonders technische Neuerungen, die Zäsuren setzen: Radio, Kühlschrank, Auto und Fernsehen. Auf sehr einfache, aber umso einprägsamere Weise macht der Autor greifbar, was diese Erfindungen im Leben der Menschen veränderte und was sie ihnen bedeuteten. Bei all dem geht Raymond Briggs nicht darum, die Familiengeschichte zu schönen; im Gegenteil scheint er gerade speziell auch an den Widersprüchen seine Freude zu haben, die er voller Empathie schildert. Und so schmal dieser Band auch ist, er hinterläßt einen großen, stillen Eindruck.

Weniger still ist die Handlung von "Palatschinken": die beiden jungen AutorInnen Caterina Sansone (Fotos) und Alessandro Tota (Graphik) kommen aus Italien und ihr Projekt ist es, die Lebensgeschichte von Sansones Mutter Elena nachzuzeichnen. Diese mußte nach dem 2. Weltkrieg als Kind mit ihre Eltern aus der alten Heimatstadt Rijeka (ehemals ital. Fiome) im heutigen Kroatien emigrieren. Zwölf lange Jahre verbrachten sie in italienischen Flüchlingslagern. Die beiden AutorInnen schildern sich dabei auch selbst, wie sie ihre Nachforschungen anstellen: Wie sie den Pariser Agentur-Chef davon überzeugen, dass er ihr Projekt finanziert, die Stationen Elenas damals und was sich heute noch davon erhalten hat, oder natürlich die unvermeidlichen Pannen, die so ein Vorhaben begleiten. Nicht alltäglich für ein Graphic Novel ist die Kombination von Fotographie und Zeichnung - wobei sich Fotographie nicht nur auf die Arbeit von Caterina Sansone während der Reise beschränkt, sondern im Buch finden sich auch viele alte Fotographien aus dem Familienarchiv, sowie Faksimiles von diversen Dokumenten. Es ist das Switchen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, aus dem das Buch seine Dynamik schöpft und die Conclusio, dass wir alle auf Schritt und Tritt von Geschichte - und sei es "nur" Mikrogeschichte - umgeben sind: man muss sie nur sehen wollen.
 

Hier gibt's eine Leseprobe von Ethel & Ernest.


Und hier gibt es eine Leseprobe von Palatschinken.


Autor: Thomas Divis, Jänner 2016

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook