Im Dunkeln glänzen – Friedensarbeit im Nahostkonflikt

Sie ist Biologin, Autorin und Friedensaktivistin, Palästinenserin, Christin und Weltbürgerin. Die Vorträge zu ihrer Friedensarbeit im Nahostkonflikt sprühen vor Energie und Leidenschaft, genau wie sie selbst. Sumaya Farhat-Naser ist eine außergewöhnliche und bewundernswerte Frau.

© Diakonie

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1948, das britische Mandat über Palästina endet. Israel wird zum Staat ausgerufen und von den USA und der Sowjetunion auch umgehend anerkannt. In vielen arabischen Zentren kommt es zu heftigen Protesten. Der Teilung Palästinas folgt das, was wir heute als Nahostkonflikt kennen; eine schier endlose Abfolge von Kriegen um Land und Anerkennung die Generationen mit Gewalt, Angst, Hass und Misstrauen infizieren. Eingefroren sind Standpunkte sowie Meinungen der führenden AkteurInnen über den jeweils anderen. Eingefroren ist somit auch ihr Konflikt. 1948: Ein kleines Mädchen kommt in Bir Zait, zwischen Ramallah und Jerusalem, zur Welt,  wird in einen Konflikt hineingeboren, der sein ganzes Leben prägen wird. Sumaya Farhat-Naser ist heute 67 und somit genau gleich alt wie der Nahostkonflikt. Ihr Engagement und ihr Mut in der Friedensarbeit sind beispielhaft. Mit dem Ziel, religiöse und interkulturelle Schranken zu überwinden, lehrt Sumaya Farhat-Naser in Palästina seit vielen Jahren in Schulen und Frauengruppen gewaltfreie Kommunikation und den Umgang mit Konflikten. Einen Einblick in ihr Schaffen gewährte sie einem beeindruckten Publikum Ende November in Wien mit ihrem Vortrag „Palästina - Eine Innenansicht. Über Herausforderungen in der Friedensarbeit“. Der Abend stand m Zeichen ihrer persönlichen Erlebnisse und blieb deshalb für viele in eindrücklicher Erinnerung.

„Erschieß mich doch!“

An einem israelischen Checkpoint in Palästina; einer jener neuralgischen Punkte, an denen angestauter Hass und Angst oft in Aggression eskalieren: Sumaya Farhat-Naser und andere warten wieder Stunden, um durchgelassen zu werden. Die Menge wird ungeduldig. Israelische Soldaten drücken mit ihren Gewehrläufen die Männer in der ersten Reihe zurück. Einer geht dabei ganz besonders heftig vor. Ein Palästinenser weicht trotzdem nicht zurück und meint mit dem Gewehrlauf an seiner Brust: „Erschieß mich doch!“ Der Soldat entsichert sein Gewehr. Frau Farhat-Naser tritt ohne zu zögern dazwischen. Mit dem geladenen Gewehr nun an ihrer Brust und weit geöffneten Armen schaut sie dem jungen Soldat in die Augen: „Bist du es? Ich kenn dich doch? Ja, ich kenn deine Mutter. Wenn die dich jetzt sehen könnte!“ Dem jungen Mann fällt der Augenkontakt schwer. Nach einer Weile sichern die Soldaten ihre Gewehre und lassen alle passieren. „Das“, so Farhat-Naser nach ihrer Anekdote, „ist unter anderem meine Strategie in der Friedensarbeit. Mit Menschlichkeit anderen zur Menschlichkeit verhelfen. Als Frauen können wir das, weil wir eben Frauen sind.“ Frauen als treibende Kraft und moralische Instanz in einer sich selbst paralysierenden, patriarchalen Konfliktgesellschaft?

Palästina, schikaniert und zerrissen

Nachdem es bis 1993 kaum zu Verhandlungen zwischen den beiden männlich dominierten Konfliktparteien kam, sind es palästinensische und israelische Frauen, die diese mentale Grenze überschreiten und auf eigene Faust einen ersten Dialog beginnen. Unter ihnen Sumaya Farhat-Naser. Sie sind es, die erkennen, dass Israelis und PalästinenserInnen einander brauchen wie die sprichwörtliche Luft zum Atmen. „Wir leben vom selben Land, trinken dasselbe Wasser, atmen dieselbe Luft, so Farhat-Naser." Die Realität gibt jedoch nicht viel Anlass zu Optimismus. Was Frauen verwirklichen, ist politischen MachthaberInnen scheinbar nicht gestattet, sie bleiben unbeweglich, es gibt auf beiden Seiten kein Entgegenkommen. Eine Kultur des gewaltfreien Dialogs ist quasi nicht existent. Die Menschen in der Region kennen seit 67 Jahren nichts anderes als Konfliktlösung durch Waffengewalt. Die verzweifelte Lage Palästinas zeigt sich auch in der kartographischen Zerrissenheit des Landes. Es ist vom Krieg in geographische Fetzen zerstückelt worden. Die Landkarte gleicht einer Welt voll abgeschotteter Atolle. „Wir leben auf Inseln, um die Mauern gebaut werden. Es gibt zwei voneinander abgetrennte Straßennetze. Das eine intakt, für Israelis; das andere marod und oft sogar versperrt. Man weiß nie, ob man überhaupt dort ankommt wo man hin will, weil die Straßen für PalästinenserInnen nicht selten an israelischen Absperrungen enden.“, erzählt Farhat-Naser: Alltägliche Schikanen im alltäglichen Konflikt.

Wie ein Diamant

Sumaya Farhat-Naser bleibt trotz allem kämpferisch und unermüdlich in ihrem Einsatz für  Gerechtigkeit, Frieden und Hoffnung. Dem grausamen Alltag in Palästina begegnet sie mit positiven Gedanken. „Heute glänze ich wie ein Diamant“, sagt sie sich jeden Morgen. „Die Kunst des Überlebens ist die Kunst des Dialoges. Wer ihn entlang der sensiblen Trennlinien von Kultur und Religion beherrscht, ist auch zum Überleben befähigt, kann Hass und Angst überwinden. Frieden in der Region kann es nur durch Inklusion und Akzeptanz beider Kulturen geben.“ Hoffnungsträger sind allein die Kinder. Nur sie können besser machen, woran  Generationen vor ihnen bereits gescheitert sind. Friedensarbeit und Aufklärung mit den Jüngsten sind darum von zentraler Bedeutung.

Sumaya Farhat-Nasers politische Friedensarbeit ist erfolgreich und bemerkenswert, ihr Esprit und der scheinbar unauslöschliche Optimismus sind inspirierend. Ihre unbändige Kraft und ihre unverwüstlichen Ideale im Kampf für eine bessere Welt und gegen Resignation sind hoffentlich ansteckend. Sie waren es bestimmt für die ZuhörerInnen an jenem Abend in Wien.

 

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien

 

 

PALÄSTINA - EINE INNENANSICHT. Sumaya Farhat-Naser über Herausforderungen in der Friedensarbeit: 27. November 2015, 18:30 Uhr. C3 -Centrum für Internationale Entwicklung, Alois Wagner Saal, Sensengasse 3, 1090 Wien.

Eine Veranstaltung von: Brot für die Welt, Frauen*solidarität und Weltgebetstag.

Bücher von Sumaya Farhat-Naser

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