Ahmed Khaled Towfik: Utopia

Lenos Verlag, 188 Seiten, Basel 2015, Roman aus Ägypten, Übersetzung: Christine Batterman, € 20,50

"Ich weiss nicht. Ich bin kein Ökonom oder Politiker. Ganz zu schweigen davon, dass ich keine systematische Ausbildung
erfahren habe.
Aber es hat besorgniserregende Indizien gegeben, und die hätten alle beachten sollen. Wenn man bemerkt, dass es nach Rauch riecht, und die Leute in seiner Umgebung nicht warnt, hat man sich gewissermaßen der Brandstiftung mitschuldig gemacht.
Wenn ich die Presse der ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts durchsehe, rieche ich sehr viel Rauch. Der Geruch entströmt
dem Zeitungspapier. Warum also hatte niemand etwas getan?"

Ahmed Khaled Towfik schrieb diese Sätze in seinem Roman "Utopia" kurz vor Ausbruch des so genannten "Arabischen Frühlings".

Als erster arabischer Autor schrieb er Thriller, Science Fiction- und Horrorgeschichten. "Utopia" ist in Ägypten der allernächsten Zukunft angesiedelt. Ein wirtschaftlicher Umbruch hat die Gesellschaft radikal umgestalten: Durch Wegfallen der Mittelschicht stehen sich zwei Klassen in einem erbarmungslosen Überlebenskampf gegenüber. Die Elite, die sich in Kolonien wie "Utopia" Burg-ähnlich abschottet vom Rest der Gesellschaft und die Unteren, die in furchtbarer Armut in Slums "draußen" ums Überleben kämpfen. Die Situation in Utopia wird aus Sicht des Sohnes eines Magnaten geschildert: Sein dekadentes Leben ist von Luxus, Langeweile und der Suche nach dem ultimativen Kick geprägt. Weil auch Drogen und Sex ihm nichts mehr bieten, wird er sich auf den Weg nach draußen machen, zu einem widerwärtigen Initiatonsritus der männlichen High-Society-Kids Utopias. Dabei geht es darum, einen der Underdogs zu ermorden und ein Körperteil als Trophäe mit nach Hause zu bringen, um auf Parties damit prahlen zu können. Nach vollzogener Amputation telephoniert man Freunde oder Familie in Utopia an, die einen per Hubschrauber, der mit angeheuerten Ex-Mariens besetzt ist, wieder herausschießen lassen. Doch diesmal geht die Sache schief. Autor Towfik schildert die Situation abwechselnd aus Sicht des Yuppies und des
Underdogs Gabir:

Awatif behandelte mein Auge.
Awatif sagte, so ein Mann, der für eine Frau kämpfe und ein Auge für sie verliere, gefalle ihr.
Awatif sagte, die Männer, die sie getroffen habe, wären bereit gewesen, sie für einen Zigarettenstummel zu opfern.
Awatif sagte, ich sei ihr Mann.
Awatif erzählte, ich erinnere sie an einen Arzt, den sie mal geliebt habe, bevor er morphiumsüchtig wurde und an einer Überdosis starb.
Awatif war braunhäutig und schön. Schön war sie. Ein Juwel, von der Natur mit großer Sorgfalt poliert und zum Glänzen gebracht, um von einer Prinzessin getragen zu werden, aber dann in den Dreck gefallen. Anschließend von einem räudigen Hund zwischen die Zähne genommen, der damit fortrannte - und rannte.
Und ich verfolge den Hund nicht etwa wegen des Juwels.
Sondern weil ich Hunger habe. Mein Gott ich habe Hunger.


Ahmed Khaled Towfik zieht seine LeserInnen in seinen Bann. Er schildert soziale Ungerechtigkeit, ihre Spielregeln und Folgen ohne zu moralisieren und ohne Sentimentalitäten. Eingebunden in eine packende Handlung macht ihn das zu einem der meistgelesenen Autoren der arabischen Welt.
 

www.lenos.ch
 

Autor: Thomas Divis, Feb. 2016

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