Wir wollen sauberes Wasser!

Advocacy steht in der Entwicklungszusammenarbeit hoch im Kurs. Durch Auklärung und Bewusstseinsbildung sollen die Bürger für ihre Rechte eintreten und Politiker zum Handeln bewegen. Doch wie sieht das im Konkreten aus? Ein Lokalaugenschein aus einem Slum in Uganda’s Hauptstadt Kampala.

Eine Gemeindevertreterin überwacht illegale<br> Müllablagerung

Eine Gemeindevertreterin überwacht illegale
Müllablagerung

Rose Zalwango lebt mit ihren fünf Kindern und ihrem Ehemann Mahad im Viertel Bwaise, das in Kampala als “Poor Urban Area” gilt, die technische Umschreibung für einen Slum. Sie leben in einem kleinen Haus, ohne Toiletten, ohne fließendes Wasser und ohne Stromanschluss. Gekocht wird mit Holzkohle, gewaschen in Plastikeimern mit verunreinigtem Wasser aus einem nahen Brunnen, das immer wieder Krankheiten verursacht: Durchfall, Ruhr, Hepatitis A oder Cholera. Viele Toiletten sind nicht ausreichend versiegelt, das Grundwasser kommt immer wieder mit Fäkalien in Berührung. Die Stadtregierung und die staatlichen Behörden haben sich bisher kaum bemüht, die Situation zu verbessern. Die Bewohner sind müde von deren leeren Versprechungen. Rose und Mahad können es sich nicht leisten, in ein besseres Viertel umzuziehen. Arbeitslosigkeit und steigende Kosten belasten ihr karges Familienbudget. Sogar die Kosten für den täglichen Wasserbedarf- im Durchschnitt umgerechnet 35 Cent Euro- müssen sie genau kalkulieren.

Rose trifft auf Advocacy

Im Jahr 2014 kamen Mitarbeiter von CIDI (Community Integrated Development Initiative), eine ugandische Partnerorganisation von Horizont3000, in ihr Viertel Bwaise und begannen die Bewohner zu befragen, wie viel Wasser sie am Tag verbrauchen, welche sanitären Bedürfnisse sie besitzen oder was mit ihrem Hausmüll geschieht. Kurz danach wurden sie und die Nachbarschaft zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Dort hörte Rose zum ersten Mal das Wort Advocacy. Das englische Wort bedeutet so viel wie “Anwaltschaft” oder das “Eintreten für ein Recht”. Die CIDI-Experten erläuterten, alle Bürger und Bürgerinnen hätten einen rechtlichen Anspruch auf sauberes Wasser, und Hausvermieter müssten ordentliche sanitäre Einrichtungen anbieten. Außerdem hätte die Stadtregierung einen staatlichen Auftrag für die regelmäßige Müllentsorgung und die Reinigung der Abwasserkanäle. Sie, die Bewohner dieser Kommune, müssten sich organisieren und für die Umsetzung eintreten. Am Ende der Veranstaltung wurden Repräsentanten für ein Advocacy Komitee gewählt, die die Kommune in speziellen Gremien vertreten sollten.

Rose bleibt skeptisch

Eine Woche später sendete das Lokalradio Botschaften über hygienische Maβnahmen, die Mann und Frau ohne große Kosten umsetzen könnten. In einem Straßentheater spielte eine Laiengruppe aus der Kommune, wie Bewohner eines Viertels sich organisieren und ihre Umgebung sauber halten können. Obwohl die CIDI-Experten die Menschen aufforderten, geduldig zu sein und ihre Anliegen sachlich den Behörden zu kommunizieren, blieb Rose skeptisch: Würde nach diesen Aktionen etwas passieren? 

Die Wasserbehörde reagiert

Es vergingen mehrere Monate und benötigte viele Petitionen an die Stadtverwaltung Kampala’s und Sitzungen zwischen den Mitgliedern des Advocacy Komitee’s und lokalen Politikern, bis die zuständige Wasserbehörde  NWSC National Water and Sewage Cooporation den ersten Wasserbrunnen mit digitalem Zähler installierte. Die Bewohner erhielten eine Chipkarte, mit der sie eine bestimmte Menge Wasser entnehmen konnten. Aufgeladen wird die Chipkarte bei dem nächstgelegenen Büro von NWSC . Auch wenn das Brunnenwasser nicht trinkbar ist, findet Rose es sauberer als zuvor. Außerdem schätzt sie den nicht manipulierten Wasserzähler, weil sie damit Geld sparen kann. Insgesamt beginnt sich die hygienische Situation in ihrem Viertel langsam zu verbessern und es stinkt weniger. Lokale Müllsammler klauben Plastikflaschen ein, die Abwasserkanäle werden bei Bedarf von den Behörden gereinigt und die Abfälle, die sich normalerweise in den Straßen häufen, werden regelmässig von aktiven Bürgern in sogenannten community clean ups eingesammelt. Einmal die Woche erscheint die städtischen Müllentsorgung und räumt den Abfall weg

Demokratisierung von unten nach oben

Bürger sollen durch Advocacy Initiativen informiert und ermächtigt werden staatliche Dienstleistungen einzufordern, wie eben das Recht auf sauberes Wasser oder kostenlose Schulbildung. Dieser Anspruch soll friedlich verlaufen und auf der Sachebene bleiben, um den Behörden nicht die Rechtfertigung zu geben Proteste niederzuschlagen. Advocacy will Partizipation und Demokratisierung von unten nach oben fördern und bei Bürgern das Bewusstsein schaffen aktiv für die Lösung von Problemen einzutreten, anstatt passiv in Erwartungshaltung zu verharren. Gerade in Länder wo der Staat oft seine Aufgaben schuldig bleibt, ist dieser Ansatz ein wichtiger Schritt gegen ungerechte Verteilung.

Dr. Mark Nadjafi ist seit April 2013 HORIZONT3000-Mitarbeiter in Uganda, wo er die lokale Organisation CIDI als technischer Berater für Monitoring und Dokumentation zur Seite steht. CIDI arbeitet  im Wasser- und Sanitärbereich mit Fokus auf Advocacy-Projekte.

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