„A Syrian Love Story“ - Von Liebe und Wahnsinn im Krieg

„A Syrian Love Story“ ist ein cineastisches Dokument über die Liebe zweier Menschen auf der Flucht vor Diktatur und Krieg. Der bewegende Dokumentarfilm begleitet eine syrische Familie, die durch Gefangenschaft und politische Verfolgung auseinanderzubrechen droht.

© Sean McAllister

© Sean McAllister

Amer und Raghda lernen sich als politische Gefangene in einem syrischen Gefängnis kennen und lieben. Als RegimekritikerInnen inhaftiert, trennt sie dort zwar eine Wand, doch ein Loch in dieser Mauer verbindet sie und ihre kalten Zellen, wird über Monate zum kommunikativen Nadelöhr. Wieder in Freiheit heiraten sie und gründen eine Familie. Als Raghda diese Geschichte in einem Buch veröffentlicht, wird die junge Mutter und Ehefrau wieder zum Häftling des Assad-Regimes. Filmemacher Sean McAllister trifft derweil am Vorabend des Arabischen Frühlings ihren Ehemann Amer in Damaskus. Dort, im syrischen Epizentrum politischer Umwälzungen, beginnt das intime Portrait einer Liebe, die wie das Land in dem sie erblühte, in Zeiten des Krieges vor die ultimative Zerreißprobe gestellt wird. Der Regisseur begleitet die junge Familie mit seiner Kamera über einen Zeitraum von sechs Jahren bis 2015.

Mit der Kamera abseits der Wege

2009, McAllister und seine Kamera sind in Syrien unterwegs. Das Land wird der westlichen Reisegruppe als die Wiege der Zivilisation vorgestellt. Antike Errungenschaften als touristische Attraktionen dem zahlkräftigen Publikum präsentiert, zeugen von Syriens schöner neuer und alter Welt. Die Reiseführer sind sich einig: Dem Aufbruch des Landes in eine prosperierende Zukunft steht nichts mehr im Wege. Regisseure wie McAllister suchen jedoch nach anderen Geschichten. Jene abseits breitgetrampelter, kommerzieller Pfade. Und so trifft er in einer Bar in Damaskus Amer Douad. Mit glasigen Augen erzählt dieser ihm seine Geschichte. Eine Geschichte, deren Verlauf vor dem Hintergrund eines schwelenden Bürgerkrieges nicht annähernd zu erahnen war, in deren Sog McAllister schließlich selbst gerät und Gefangener eines allgegenwärtigen Machtapparats wird. 

Anfangs noch Beobachter der Realität einer Familie, die unter der Inhaftierung der Mutter leidet, wird er bald Zeuge einer humanitären Katastrophe und fertigt deren Nahaufnahme an:

2011 werden die Proteste gegen das Regime auf den Straßen der syrischen Hauptstadt lauter und selbstbewusster. Immer öfter gehen immer mehr Menschen als DemonstrantInnen in die Öffentlichkeit. Amer deutet das als Chance. Das Assad-Regime steht nun auch international unter Druck. Mit dem Bild Raghdas in seinen Händen nimmt er an den Protesten teil und hofft, dass seine große Liebe freigelassen wird. Als sie tatsächlich entlassen wird, ist die Freude in der Familie darüber grenzenlos. Assad wankt, die Familie ist endlich wieder vereint. Sie können ihr Glück kaum fassen.

Auf der Flucht

Doch die Fühler des Regimes reichen weit. Regisseur McAllister landet für fünf Tage in einer syrischen Haftanstalt. Sein Filmmaterial wird dabei beschlagnahmt. Die Familie, in der schon Bob, der kleinste der drei Söhne, vor laufender Kamera über Assad schimpft, muss daraufhin fliehen. Die palästinensische Enklave Yarmouk, ein Flüchtlingscamp außerhalb Damaskus´, bietet allerdings nur vorübergehend Schutz. Nachdem der „Islamische Staat“ endgültig den syrischen Bürgerkrieg entfesselt, beginnt ihre lange Flucht durch den Libanon bis nach Paris. Während im Parlament noch Abgeordnete debattieren, ist der Krieg bereits in vollem Gange. Das Volk blutet auf den Straßen, ganze Stadtviertel sind verwüstet. Ähnlich sieht es auch in Raghdas Innerem aus. Sie leidet an posttraumatischem Stress als Folge der brutalen Misshandlungen in Gefangenschaft. Darüber hinaus plagen sie Schuldgefühle. Sie sieht sich als Verräterin an ihren GenossInnen, lieber würde sie mit ihnen in Syrien gegen Assad kämpfen, anstatt vor ihm zu flüchten. Amer hingegen will für seine Familie einen Weg nach Europa finden.

Sie hätten ewig auf einander gewartet. Nichts anderes als ihr Wiedersehen trieb sie während Raghdas Inhaftierung an. Ihre Liebe war stärker als jede Gefängnismauer. Doch jetzt, wieder vereint, gerät etwas zwischen sie. Im Libanon angekommen, gibt es keine Zukunft für die Familie. Amer findet keine Arbeit, die Kinder können dort nicht zur Schule.

Raghda, von ihren seelischen Qualen immer mehr gezeichnet, dünn und ausgemergelt, bleibt auch in Freiheit Gefangene ihrer Erlebnisse. Sie will zurück nach Syrien. Die gestrandete Familie droht auseinander zu brechen. Die Belastung unter diesen Umständen ist für alle enorm. Inzwischen wird ihr Umgang untereinander immer rauer, bis Raghda schließlich ihrer Familie den Rücken kehrt und zurück in ihr Heimatland reist.

Die Traumata einer Flüchtlingsfamilie

2014, die Familie ist wieder vereint. In Frankreich wurde ihnen Asyl gewährt. In einem Plattenbau in einem Pariser Vorort wird sie dennoch von ihren Dämonen verfolgt. Raghdas Alkoholmissbrauch und Amers Beziehung zu einer anderen Frau treiben die Familie wieder auseinander. Alkohol und grobe Streitereien bestimmen ihren Alltag. Die Familie ist mittlerweile so zerrissen und kaputt wie Syrien selbst. Ihr einstiges Glück liegt in Scherben vor ihnen, das Paar hat sich endgültig entfremdet. Was dem Wahnsinn in syrischen Gefängnissen nicht gelang, droht nun von dessen Nachwirkungen erledigt zu werden. Die einst unzerstörbare Liebe steht vor ihrem Aus. Die beklemmende Situation in der kleinen Wohnung und Raghdas Verzweiflung finden ihre tragische Eskalation in Raghdas Suizidversuch.

Filmisches Tagebuch mit Substanz

McAllister ist nicht nur Dokumentarist all dessen, er wird zur Vertrauensperson, fast ein Teil der Familie. Etwa als Bob ihm nach dem Suizidversuch seiner Mutter die Spuren ihrer Rettung, die beim Eintreten der Badezimmertür entstanden sind, zeigt. McAllisters Kamera ist dabei wie eine Lupe. Sie gibt mit Amer, Raghda und ihren Kindern der anonymen Masse an Flüchtlingen ein Gesicht. Ihr in Bildern gebanntes Schicksal steht für das vieler anderer, macht es greifbar und vor allem verständlicher als Nachrichtensendungen und Statistiken über Migrationsbewegungen es je könnten. McAllisters empathischer, bei Zeiten herzzerreißender Realitycheck zeigt die Verwandlung Raghdas und damit auch jene der Menschen, die ihr nahestehen, ungeschönt beinahe als kafkaeske Metamorphosen: Existenzialismus in seiner Praxis. „A Syrian Love Story“ ist ein filmisches Tagebuch, eine Reise in die emotionalen Gefilde zweier Liebender, die nie unabhängig von der politischen Lage ihres Landes sein können.

 

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien.

Regie: Sean McAllister

Vereinigtes Königreich, 2015

Dokumentarfilm

76 min, OmeU

 

FILMPREISE
Sheffield Doc/Fest - Grand Jury Prize (2015)
Special Mention Biografilm - Festival Special Jury Award (2015)

Link zum Film-Trailer

 

 

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