„Trapped By Law“ - Wohin, wenn man nirgends gewollt ist?

Seit 2010 besteht zwischen dem Kosovo und Deutschland ein bilaterales Abkommen, das die Zwangsabschiebung von kosovarischen Minderheiten aus Deutschland in den Kosovo vorsieht. Kefaet (26) und Selami (21) sind Roma, in Essen aufgewachsen. Ihre Familie ist vor dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland geflohen. Die beiden Brüder werden eines Nachts brutal aus ihrem Schlaf gerissen und in ein für sie fremdes Land „rücküberführt“. Dort treffen sie auf den jungen Filmemacher Sami Mustafa.

© Sami Mustafa

© Sami Mustafa

Kefaet, der als  Vierjähriger nach Deutschland gekommen ist und  Selami, dort geboren, sind leidenschaftliche Rap-Künstler und waschechte Kinder des Ruhrpotts. Ihre Abschiebung ist die Zäsur, die sie gewaltsam aus ihrem Leben reißt und dieses für fast fünf Jahre zum existentiellen Spießrutenlauf für sie macht. Regisseur Sami Mustafa begleitet die beiden Brüder auf ihrer verzweifelten Suche nach (staatlicher) Anerkennung mit der Kamera und hält dabei fest, wie institutionelle Diskriminierung Roma wie Kefaet und Selami zu menschlichen Spielbällen der Bürokratie degradiert. Denn sie sind weder im Kosovo noch in Deutschland gewollt. Im Kosovo droht den Brüdern Isolierung und Unterdrückung: Roma sind dort Ziel gewalttätiger Angriffe von Kosovo-Albanern, die ihnen „Kollaboration“ mit der serbischen Minderheit vorwerfen. Zahlreiche Einschränkungen grundlegender Menschenrechte, unter anderem fehlender Zugang zu persönlichen Dokumenten; Probleme, ihr Eigentum wiederzuerlangen oder Wohnungen zu beziehen, Schwierigkeiten beim Zugang zu Bildung, , Beschäftigung und Sozialversicherungen zeugen vom politischen Unwillen zur Integration der Roma im Kosovo. In Deutschland sind sie indes nach über zwei Jahrzehnten immer noch ohne Staatsbürgerschaft. Marginalisiert und ihrer Menschenrechte beraubt, stecken die zwei Brüder zwischen den Welten in einem sozialen Vakuum. Es gibt keine Perspektiven, weder im Kosovo, noch in Deutschland.

In einem abgedunkelten Raum sitzen sie nun abwechselnd im blassen Licht eines Scheinwerfers auf einem alten Stuhl und erzählen der Kamera ihre Geschichte. Ein Verhör mit zwei Außenseitern beginnt; von Gesellschaft und Politik auf Grund ihrer Herkunft angeklagt, zeigt Sami Mustafa, was die Abschiebung in das Land ihrer Vorfahren für sie bedeutet.

Im falschen Film

Um 4 Uhr Früh beginnen die für sie so dramatischen Stunden. Beamte der Polizei dringen aus heiterem Himmel in ihre Wohnung ein. Kefaet und Selami stehen plötzlich vor ihrer Abschiebung. Sie werden sofort in ein Gefängnis gebracht. Für ein Gespräch mit ihren Eltern bekommen sie gerade mal 10 Minuten. Warum sie abgeschoben werden, sagt ihnen niemand. Nach dem sie mit ihrer Unterschrift der Rückführung „zustimmen“, erhalten sie 50 Euro und sitzen ohne Pass nicht wenig später im Flugzeug nach Prizren, Kosovo. Die beiden Brüder glauben zunächst „im falschen Film zu sein“. Sie wissen noch nicht, dass dieser Film tatsächlich zur Realität und „Trapped By Law“ heißen wird. Kefaet ist ab sofort von seinen Kindern getrennt. Die Eltern der beiden Brüder bleiben ohnmächtig zurück. Heimat, das ist dort, wo ihre Familie und Freunde leben, dort wo sie aufgewachsen sind, das ist ihre Stadt Essen. Kosovo, das Land ihres Großvaters, kennen sie nicht. Regisseur Mustafa weiß von den Abschiebungen in den Kosovo und wartet darum mit seiner Kamera auf die ersten Betroffenen am Flughafen. Das trotzige Auftreten der beiden Brüder fällt ihm sofort auf. „Gebt uns eine Bühne und ein Mikro“, ist ihre lakonische Antwort auf die Frage eines kosovarischen Beamten, ob sie noch irgendwas brauchen, bevor sie mehr oder weniger sich selbst über- und in den Kosovo entlassen werden. Anfangs noch das unwirkliche Gefühl im Bauch hier als Tourist auf Besuch zu sein, weicht diese Schimäre bald der bitteren Erkenntnis, ohne die bald versiegende finanzielle Unterstützung von zu Hause, hier wie Schiffbrüchige gestrandet zu sein. Ein Ausflug in das Heimatdorf ihres Großvaters führt ihnen die prekären Lebensumstände vieler in Armut und Segregation lebender Roma vor Augen. Der Kulturschock sitzt tief. Vom Handels- und Dienstleistungszentrum Essen in die schäbige Peripherie Europas gebracht, gibt es bald nur noch ein Ziel: Kefaet und Selami wollen alles daran setzen, wieder nach Deutschland zurückzukehren.

Der unvorhersehbaren Wendung ihrer Biografie haben sie dabei nichts als ihre Musik entgegenzusetzen. Doch so wenig ist das gar nicht. Sie beflügelt ihr Durchhaltevermögen und ihre Hoffnung, ist Trostspenderin und Therapeutin zugleich. Wirtschaftlich über Wasser halten sie sich unter anderem als Telefonisten in einem Callcenter in dem sie auf Deutsch Gewinnspielverträge verkaufen. Dort stehen sie allerdings eines Tages vor verschlossener Tür, das Callcenter ist spurlos verschwunden, ihre ausstehenden Löhne ebenso. Nachdem sie monatelang von entfernten Verwandten und Bekannten von Wohnung zu Wohnung gereicht werden, landen sie schließlich als Obdachlose auf der Straße. Dort, am kalten Asphalt, am absoluten Nullpunkt angekommen, ist ihre Lage erstmals dermaßen aussichtslos, dass selbst sie, die stets positiv gestimmten Brüder, jede Zuversicht verlässt. Als Rettungsanker kommt nun ihre Mutter mit von Freunden ausgeliehenem Geld und ihrem alten Jugoslawien-Pass, um sie zu unterstützen. Der eigentliche Marathon um ihr altes Leben beginnt erst jetzt.

Odyssee am Balkan

Da Kefaet und Selami ohne gültige Pässe im Kosovo praktisch nicht existieren, versuchen sie nun gemeinsam mit ihrer Mutter und den jugoslawischen Papieren in Serbien einen Pass zu beantragen. Nach Wochen des Wartens, dem Ausfüllen unzähliger Anträge und dem Aufsuchen etlicher Behörden, nimmt der bürokratische Hürdenlauf endlich ein Ende. Die Kosten für ihr bescheidenes Zimmer in Serbien verschlingen gerade die letzten Geldreserven, als sie ihre serbischen Pässe ausgehändigt bekommen. Die Freude währt jedoch nur kurz. Auf Grund des fehlenden Visums steht in den neuen Pässen die Anmerkung, dass sie  Kosovaren sind. Damit bleibt es weiterhin unmöglich, nach Deutschland zurückzukehren. Zurück im Kosovo, enttäuscht über ihre aussichtlose Lage, kommen sie bei Freunden des Regisseurs unter. Beim gemeinsamen Musizieren keimt die Idee, die beiden als musikalische Gäste beim lokalen „Rolling Film Festival“ auftreten zu lassen. Ihr bemerkenswerter Auftritt verhilft ihnen dabei unverhofft zu landesweiter Bekanntheit. Als lokale Berühmtheiten halten sie nun Hip-Hop-Workshops für Kinder und Jugendliche, geben Konzerte, werden von ausländischen Medien interviewt und verdienen sogar ein kleinwenig Geld mit ihren Auftritten.

Dankbar für die Momente der Musik und der Anerkennung, bleibt jedoch die Sehnsucht nach ihrem Zuhause bestimmend für ihren Alltag.

Mit Hilfe einer slowenischen NGO versuchen sie später, nun mit serbischem Pass, erneut nach Deutschland zu gelangen. Doch ihre Unterschriften, damals im Gefängnis kurz vor ihrer Abschiebung unter Druck auf irgendwelche Formulare gekritzelt, machen ihre „Rückführung“ zu einer freiwilligen Option für den deutschen Staat. Eine Einreise nach Deutschland wird den beiden somit für mindestens 5 Jahre verwehrt. Die Falle der deutschen Rückführungspolitik schnappt schon ganz am Anfang ihrer Odyssee zu. Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage. Weitere Ausreiseversuche führen sie an zahllose Grenzübergänge des Balkans. Wieder sind sie Obdachlos. Schließlich, nach über vier Jahren, gelingt Kefaet und Selami die Einreise über die grüne Grenze von Serbien nach Ungarn in die EU und somit nach Deutschland.

Wider alle Umstände

Nach Wochen in der Wildnis sitzen sie nun in Essen auf einer Parkbank. Dankbar und froh. Doch ihre Zukunft bleibt ungewiss. Ihr „Duldungsstatus“ weist sie als Bürger zweiter Klasse in einem Land aus, in dem sie seit Geburt bzw. seit dem vierten Lebensjahr leben. Die beiden sind, wie viele andere auch, Opfer einer Gesetzgebung für die Schicksale einzelner Personen zu klein und unbedeutend sind, als das auf sie Rücksicht genommen werden könnte. Regisseur Sami Mustafa zeigt Auswirkungen eines politischen Abkommens, das Menschen kategorisiert, sich ihrer entledigt, ihrer Würde beraubt und ihre Existenz bedroht. Er zeigt aber auch zwei starke Protagonisten, die auf beeindruckende Weise ihrem Schicksal entgegentreten und mit ihrer Musik und einer ordentlichen Portion Humor allen Widerständen zum Trotz gegen einen übermächtigen Gegner und dessen Logik von Inklusion und Exklusion ankämpfen. „Trapped By Law“ legt Zeugnis darüber ab, wie Menschen Gefahr laufen, vom Sog der internationalen Migrationspolitik weitgehend unbemerkt verschlungen zu werden, in die Bedeutungslosigkeit abgeschoben zu werden und ist insofern ein wichtiger Beitrag zur Sensibilisierung unserer Gesellschaft zum Thema Asyl und Migration. Wer würde diese Geschichten denn sonst erzählen? Sami Mustafa, 1984 geboren, selbst Roma und Filmemacher aus dem Kosovo, hat sich mit zahlreichen Filmen und Dokumentationen über das soziale und kulturelle Leben der Roma im Kosovo einen Namen gemacht und ist darüber hinaus als Förderer junger Roma-Künstler bekannt.

 

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien.

Regie:  Sami Mustafa

Kosovo/Deutschland, 2015

Dokumentarfilm

92 min, OmeU

Offizielle Homepage zum Film      

Offizielle Facebook-Seite zum Film         

 

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