Voluntourismus: Die Machenschaften der Vermittlungsagenturen

Freiwilligeneinsätze, die Idealismus mit Abenteuer verbinden sollen, erfreuen sich bei Jung und Alt großer Beliebtheit. Längst ist aus dem Wunsch, Gutes zu tun, ein großes Geschäft geworden – mit vielen Nebenwirkungen.

"Children are not tourist attractions"

Nach der Matura einmal weg. Die neu gewonnene Freiheit leben, reisend die Welt entdecken. Diesen Traum verwirklichen sich immer mehr junge Menschen weltweit. Umso besser wenn sich die eigene Abenteuerlust mit etwas „Gutem“ verbinden lässt und der Lebenslauf gleichzeitig etwas aufgehübscht wird. Doch auch Berufstätige und PensionistInnen entdecken den Mix aus Urlaub und Freiwilligendienst für sich.

Der Begriff „Volontourismus“ oder „Voluntourism“ fällt immer häufiger und beschreibt einen oft kurzzeitigen Freiwilligeneinsatz (Volunteering), verbunden mit einem hohen Gehalt an Abenteuer und Erlebnis (Tourismus). Dieses Phänomen ist in den USA seit einigen Jahren sehr beliebt und findet auch in Europa immer weiter Verbreitung.

Im Glauben, rein idealistisch und altruistisch zu handeln, ahnen die engagierten Leute oftmals nichts davon, dass hinter der Freiwilligentätigkeit im Ausland eine riesige Tourismusindustrie steckt, mit jährlichem Umsatz von mehreren Milliarden Euro (vgl. "Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus"). Die Machenschaften der Vermittlungsagenturen sind oft skrupellos, wie das Buch  „Das Gegenteil von gut ist... gut gemeint“ von Daniel Rössler auf eindrucksvolle Weise offenbart. (vgl. diese Oneworld-Rezension hierzu).

Das Spiel von Angebot und Nachfrage

Natürlich dürfen  nicht alle Vermittlungsorganisationen über einen Kamm geschoren werden. Zunächst muss zwischen staatlich anerkannten und oft auch unterstützen Organisationen (siehe z.B. http://www.weltwaerts.de/de/) und kommerziellen Agenturen unterschieden werden. Aufgrund der wachsenden Nachfrage übersteigt jedoch die Anzahl der kommerziellen Agenturen die der staatlich anerkannten immens.

Die Einsätze der kommerziellen Anbieter sind sehr kostspielig. Ein zweiwöchiger Freiwilligeneinsatz in einem Naturschutzprojekt in Kambodscha  kostet beispielsweise 1660 Euro, ohne Flug. Hier entsteht das Problem: Die Agenturen machen einen so hohen Gewinn mit derartigen Angeboten, dass sie mehr davon anbieten als Freiwillige benötigt werden. Dies wird in einem Video zum Thema von Aljazeera anschaulich dargestellt. Die Agentur projects-abroad verlangte als Antwort auf diese Reportage eine Gegendarstellung. Diese wird bei "Fair unterwegs" vorgestellt. Hier heißt es, dass die Agentur die Kosten für Betreuung, Vollverpflegung, Unterbringung und Versicherung für die Freiwilligen übernimmt. Die Einrichtung vor Ort erhält insgesamt ca. 90 Euro. Oft fließt also, wenn überhaupt, nur ein Bruchteil des Geldes in die Projekte vor Ort, den Rest behält die Agentur ein. Im Umkehrschluss muss das Angebot an Einsätzen gedeckt werden, sodass z.B. Waisenhäuser entstehen, die nicht mehr mit „echten“ Waisen gefüllt werden können, ein Phänomen, welches vor allem in Kambodscha, Nepal und Ghana seit einigen Jahren bekannt ist (vgl. z.B. hier).

Laut der Studie „Vom Freiwilligendienst zum Voluntourismus“ haben 85 Prozent aller Kinder in den über 500 Waisenhäusern Kambodschas noch mindestens einen Elternteil (vgl. Unicef 2011).

Unseriöse Agenturen erkennen

Gerade bei Projekten mit Kindern, welche bei den Freiwilligen besonders beliebt sind, entstehen jedoch auch andere Probleme. Oft werden die Freiwilligen gar nicht oder nicht ausreichend überprüft. In genannter Studie wurden 44 Vermittlungsagenturen untersucht: Nur 21 Prozent verlangten einen Lebenslauf und nur 44 Prozent ein polizeiliches Führungszeugnis. Viele Agenturen werben sogar damit, dass sich JEDER vermitteln lassen kann, unabhängig von Qualifikationen oder  Sprachkenntnissen. Dies zeugt außerdem von fehlenden Kinderschutzmaßnahmen. Oft wird nicht überprüft, ob die Person bereits einmal polizeilich aufgefallen ist, was zu einem noch größeren Problem werden kann wenn die Freiwilligen nicht nur mit Kindern arbeiten, sondern auch mit diesen in einer Gastfamilie untergebracht sind.

Einen Skandal gab es in diesem Zusammenhang bereits bei der Agentur projects-abroad, bei welcher ein vermittelter männlicher Freiwilliger 2011 in Kambodscha aufgrund von pädophilen Vergehen verhaftet wurde. Projects-abroad entgegnete auf die massive Kritik, dass der Mann weder während seiner Verhaftung noch während der Tat als Freiwilliger im Einsatz war. Mittlerweile muss man bei den meisten Projekten von projects-abroad ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Die Agentur, weiterhin eine der größten Vermittlungsagenturen weltweit, kommt jedoch immer wieder in die Kritik. Einen tieferen Einblick in das Thema bietet ein Video von Aljazeera.

Es gibt jedoch weitere Kriterien die unseriöse Anbieter kennzeichnen: Oft fehlen Vor- und Nachbereitungskurse für die Freiwilligen oder diese können nur durch eine Gebühr zum Angebot dazu gebucht werden. Diese sind jedoch essentiell, um die Freiwilligen adäquat auf den Einsatz vorzubereiten und sie zu lehren, mit den Erfahrungen richtig umzugehen. Von zu kurzen Einsätzen ist ebenfalls stark abzuraten. Bei einem Einsatz von 2 Wochen, z.B. in einer Schule, wird man die Kinder nur verwirren und keine langfristigen Kompetenzen vermitteln können. Oft lernen sie von verschiedenen Voluntourists immer wieder dasselbe, und bleiben so unter anderem sprachlich jahrelang auf gleichem, niedrigem Niveau. Tourism-watch hat einige Kriterien, Ratschläge und Informationen verständlich aufbereitet.

Die Einsätze, und seien sie noch kurz, werden von den Vermittlungsagenturen als qualitativ hochwertig und nachhaltig beschrieben (vgl. projects-abroad oder Praktikawelten), obwohl ExpertInnen immer wieder darauf hinweisen, dass diese unter Umständen soziale und lokale Strukturen zerstören. Zudem muss man sich die Frage stellen, welche Tätigkeiten von Einheimischen durchgeführt werden könnten und ob der lokale Arbeitsmarkt durch den Einsatz negativ beeinflusst wird. Weitere Kriterien wie zeitlich flexible Projektstarts, eine fehlende Zusammenarbeit mit den lokalen Organisationen und fehlende AnsprechpartnerInnen zeichnen unseriöse Anbieter aus. (Mehr Infos Strategien und Folgen finden sich hier.)

Zudem arbeiten diese mit einem stark „armutsorientiertem Marketing“, d.h. das Elend der Bevölkerung wird durch mitleiderregende Bilder verkauft, um das Interesse der Voluntourists zu wecken. Bucht man mehrere Einsätze gleichzeitig, erhält man bei manchen Anbietern sogar einen Rabatt; Gutes tun im Sparangebot.

Vernünftig mit dem Trend umgehen

Natürlich sind nicht alle Projekte zu verurteilen. Grundätzlich kann der Drang vieler junger Menschen, Gutes zu tun, aber vor allem durch staatliche Agenturen vernünftig und nachhaltig umgesetzt werden. Ein Auslandsaufenthalt gebucht mit einer kommerziellen Agentur ist nur mit extrem viel Vorbereitung und nach kritischer Betrachtung zu empfehlen. Forderungen nach einem allgemeinen Gütesiegel für Vermittlungsagenturen werden immer lauter und sollten definitiv umgesetzt werden. Auch Organisationen wie tourism-watch setzen sich für mehr Überwachung und Differenzierung bei den Freiwilligeneinsätzen ein. Solange die Agenturen Geld damit verdienen und sich im legalen Rahmen bewegen, werden diese jedoch ihr Handeln nicht einstellen. Daher müssen strengere rechtliche Auflagen geschaffen und die Voluntourists durch mehr Aufklärung sensibilisiert werden. Dass bei einigen unter ihnen schon ein Umdenken stattfindet, zeigen Projekte wie endhumanitariandouchery auf unterhaltsame Weise.

Jessica Gärtner lebt momentan in München und interessiert sich besonders für entwicklungs- und weltpolitische Themen.

März 2016

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