I am Nojoom, age 10 and divorced

Der Film „I am Nojoom, age 10 and divorced“, der im Rahmen der FrauenFilmTage 2016 in Wien gezeigt wurde, erzählt die Geschichte der zehnjährigen Nojoom, die bei Gericht ihre Scheidung einreicht. Die Handlung beruht auf wahren Begebenheiten und auch der Regisseurin Khadija al-Salami widerfuhr im Alter von elf Jahren ein ähnliches Schicksal wie Nojoom. Aber vor allem und trotz allem erzählt der Film eine Geschichte von Mut, Entschlossenheit und Optimismus.

Die Kamera folgt einem jungen Mädchen bei einer Verfolgungsjagd durch das Gassenlabyrinth Sanaas. Das Mädchen entkommt knapp ihrem Verfolger, steigt in ein Taxi und fährt zum Gericht. Was das Mädchen dort will? Es will die Scheidung. In einer Rückblende erzählt das Mädchen Nojoom seine Geschichte in eigenen Worten.

In einem kleinen jemenitischen Dorf umgeben von Kaffeefeldern wird nachts ein Mädchen geboren. Die ältere Schwester Najla möchte das neugeborene Mädchen Nojoom („Sterne“) taufen, der Vater, verärgert darüber keinen Sohn bekommen zu haben, nennt die Tocher Nojood („verborgen“). Später wird sich das Mädchen selbst gegen den Namen, der ihr von ihrem Vater gegeben wurde, entscheiden und sich Nojoom nennen.

Vom Dorf in die Stadt

Die Aufnahmen der beeindruckenden, schroffen Berglandschaft wirken beengend und verankern die Menschen untrennbar in ihrer Umgebung. Das Schicksal der Familie nimmt seinen Lauf als die älteste Tochter Najla vergewaltigt wird und die Familie in die Stadt zieht. Der Umzug in die große Stadt ist für das Mädchen Nojoom sehr aufregend. Die Kamera ist immer nahe bei Nojoom, zeigt ihre Gefühlswelt in Großaufnahmen ihres Gesichtes. Nojoom hat keine Augen für die Probleme und Sorgen der Erwachsenen. Sie möchte spielen und Kind sein.

Die Hochzeit

Eines Abends beobachten Najla und Nojoom eine Hochzeit. Die beiden bewundern die schöne (erwachsene!) Braut im weißen Kleid inmitten der fröhlichen Gesichter. Gleich die nächste Szene zeigt, wie der Vater Nojoom an einen älteren Mann, Adel, verheiratet. Nojooms eigene Hochzeit ist ein Zerrspiegel des zuvor beobachteten Festes: Nojooms Kleid ist weder weiß noch schön, das Makeup gefällt ihr nicht, die Wohnung ist so klein, dass kaum Gäste geladen werden können, sogar die Möbel sind von den Nachbarn geliehen. Anstelle fröhlicher Gesichter gibt es Streit und Tränen. Immer wieder arbeitet die Regisseurin mit solchen Gegenüberstellungen, Spiegelungen und Parallelen.

Während der Zeremonie schleicht Nojoom aus der Wohnung, um mit ihren Freunden zu spielen. Den ohnehin zu großen Ring versetzt sie und kauft sich eine Puppe. Nojoom hält an der Puppe fest – ein starkes, offensichtliches Symbol ihrer Kindheit. Das Ehepaar zieht noch am selben Tag ins Dorf des Ehemannes und wird dort von einer jubelnden Gruppe Männern empfangen, alle bewaffnet und mit Backen prall vom Kauen der Alltagsdroge Kath. Während die Männer ausgelassen feiern, essen die Frauen still zu Abend. In ihrer Hochzeitsnacht wird Nojoom von ihrem Ehemann vergewaltigt. Draußen vor dem Haus feiern und tanzen die Männer weiter. Gemeinschaft, Einsamkeit, Ausgelassenheit und Tragik werden durch den Schnitt der Szenen dramatisch gegenüber gestellt. Auch Nojooms Puppe geht in dieser Nacht kaputt, sie erwacht am nächsten Morgen auf blutigen Lacken neben dem abgetrennten Puppenkopf. Durch diese starken Symbole, Vergleiche und kurze, plötzliche Flashbacks werden die ZuseherInnen oft zu sehr an der Hand geführt.

Nojoom bleibt trotzig bis zur Selbstverletzung. Ihr Mann beschließt zurück zu den Schwiegereltern zu fahren, damit sie seine Frau zur Vernunft bringen. Hier endet Nojooms Erzählung wo sie begonnen hat, bei ihrer Flucht zum Gericht.

Vor Gericht

Die Gerichtsverhandlung gibt dem Vater und dem Ehemann eine Plattform ihre Sicht der Ereignisse darzulegen. Nojooms Ehemann besteht auf der Rechtmäßigkeit der Ehe, auch wenn er es sich  anders vorgestellt hat. „Marry at eight, happiness will be great“ zitiert er ein Sprichwort. Er habe sich nur an die Ratschläge und die Erfahrungen seines Dorfes gehalten, alle heirateten früh. 

Auch der Vater wird in einer Rückblende dargestellt und beleuchtet dadurch Nojooms Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Um das Gesicht der Familie zu wahren und verheerende Blutrache zu vermeiden muss der Vater seine Tochter mit ihrem Vergewaltiger verheiraten. Doch das Gerede im Dorf endet nicht, die Angst vor Scham und Schande wird zu groß, der Vater sieht keinen anderen Ausweg als das Dorf zu verlassen. In der Stadt warten Armut und Arbeitslosigkeit. Schließlich landen die Kinder auf die Straße um dort zu betteln. Nicht aus Gier sondern aus Aussichtslosigkeit verheiratet der Vater seine zehnjährige Tochter an einen erwachsenen Mann und schickt seinen jungen Sohn zum Arbeiten nach Saudi Arabien.

Die beiden Männer sind nicht die Bösewichte der Geschichte. Sie sind selbst in ein Netz aus Traditionen und Erwartungen der Gesellschaft verstrickt und sehen zunächst kein Unrecht in ihrem Handeln. Die flammende Rede des Richters bringt schließlich alle Parteien zur Einsicht. Sogar der Scheich aus Adels Dorf, der ihm vor Gericht Beistand leistet, spricht sich schließlich für die Scheidung aus. So findet der Film sein Happy End. Nojoom kehrt zurück zu ihrer Familie, besucht die Schule und blickt in eine Zukunft voller Möglichkeiten.

Trailer zum Film

Regie: Khadija Al-Salami
Spielfilm, Jemen 2014, 96 Minuten

Die FrauenFilmTage fanden vom 25.02. bis 04.03. 2016 in Wien statt. Seit 2004 werden die FrauenFilmtage im März rund um den Internationalen Frauentag veranstaltet und zeigen spannende Filmarbeiten von Frauen.

Karin Brötzner lebt und arbeitet in Wien. Sie interessiert sich für Nachhaltigkeit, Medien und (entwicklungs-)politische Themen.

Twitter: @kbrtznr

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