Politische Gefangene Assads, Schutzsuchende. Eine Syrerin erzählt.

Die 50-jährige Lehrerin Hanada Alrefai war politische Gefangene des Assad-Regimes in Syrien. Im Sommer 2015 floh sie nach Wien. OneWorld.at sprach mit ihr über den Krieg in Syrien, ihre Gefangenschaft, die Gewalt des Regimes und ihre Zukunftspläne.

© Hanada Alrefai

© Hanada Alrefai

OneWorld: Hanada, kannst du uns bitte etwas über dich erzählen?

Hanada Alrefai: Ich war Mathematiklehrerin an einer internationalen Schule in Damaskus. Dort wurde ich gekündgit, weil ich politisch aktiv war. Als Mitglied oppositioneller Gruppen wollte ich den syrischen Menschen helfen, aber auch der Welt zeigen, was in Syrien unter Assad mit den Leuten gemacht wird. In Daraa, meiner Geburtsstadt, geriet ich am 15.03.2012 in politische Gefangenschaft des Assad-Regimes. Ich wurde ins Gefängnis gebracht, gequält und geschlagen. Sieben Monate war ich in Haft. Meiner ganzen Familie war es nicht möglich, mich nur einmal während dieser Zeit zu sehen oder etwas von mir zu hören. Sie wussten nicht einmal, ob ich überhaupt noch am Leben war. Nur eine Woche nach dem ich inhaftiert wurde, brachten sie auch meinen Bruder ins Gefängnis. Er war zwei Jahre und zwei Monate inhaftiert. Sie folterten ihn so lange, bis er starb. Sein Leichnam wurde uns nie übergeben.

OneWorld: Wieso wurdest du inhaftiert?

Hanada Alrefai: Ich wurde für alles nur Vorstellbare beschuldigt. Zum Beispiel wurde mir vorgeworfen, mit der US-amerikanischen Botschaft und dem Mossad zu kooperieren. Alles komplett haltlos. Da sie nichts von diesem Humbug beweisen konnten, wurde ich entlassen.

OneWorld: Wie bist du zum politischen Aktivismus gekommen?

Hanada Alrefai: Als die syrische Revolution in meiner Geburtsstadt Daraa begann, wurden dort Schulkinder inhaftiert, weil sie „It´s your turn, Doctor.“ auf das Schulgebäude geschrieben hatten. Assad ist ja ausgebildeter Arzt. Ein Lehrer hat daraufhin die Polizei gerufen, die Kinder wurden in ein Gefängnis gebracht. Manche von ihnen wurden dort vergewaltigt und gefoltert, manche getötet. Als die betroffenen Familien nach ihren Kindern fragten, wurde ihnen gesagt: „Schickt uns eure Frauen, wir werden euch neue Kinder machen.“ Daraufhin gab es in Daraa empörte Demonstrationen. Die Antwort des Regimes kam prompt und unmissverständlich. Auf Demonstranten wurde geschossen. Daraa wurde komplett isoliert. Es gab keinen Strom mehr, kein Trinkwasser, kein funktionierendes Telefonnetz und kein Internet. Es wurden Ausgangssperren verhängt. Auf den Dächern der Stadt standen bewaffnete Soldaten, die auf jeden schossen, der sich nicht daran hielt. Ab diesem Moment, wusste ich, jetzt muss etwas geschehen.

OneWorld: Wie hast du dich politisch engagiert?

Hanada Alrefai: Ich trat Organisationen bei, die syrischen Binnenflüchtlingen Nahrungsmittel und Kleidung gaben und ging auf so viele Demonstrationen wie ich nur konnte. Dafür landete ich im Gefängnis, andere mussten deswegen sogar sterben. Für das Regime ist das subversive Agitation gegen die Interessen des Landes. Ich war im Visier der Regierung und musste schlussendlich flüchten. Über die Türkei und Griechenland kam ich nach Österreich.

OneWorld: Wie war das, hier in Österreich anzukommen?

Hanada Alrefai: Ich hatte nichts außer meiner Kleidung am Körper, als ich hier ankam. Schon eine Woche nach meiner Ankunft, begann ich mich wieder zu engagieren, habe Organisationen aufgesucht, bei denen ich helfen konnte, in Österreich ankommende Flüchtlinge zu unterstützen. Mir ist wichtig, mich gegen Vorurteile einzusetzen. Ich will, dass die ÖsterreicherInnen wissen, dass wir ganz normale, gebildete Menschen sind.

OneWorld: Was denkst Du über die vermehrt auftretende Hetze gegen Schutzsuchende?

Hanada Alrefai: Niemand von den Schutzsuchenden ist froh darüber, in einem anderen Land bei null zu beginnen, eine neue Sprache zu lernen und diese lebensgefährliche Reise auf sich zu nehmen. Wir sind hierhergekommen, weil unser Leben in Gefahr ist, nicht zum Vergnügen und nicht weil wir reich werden wollen.

OneWorld: Welche Rolle spielten Frauen in der syrischen Revolution?

Hanada Alrefai: Frauen werden in Syrien von der politischen Elite als Kriegswaffe missbraucht. Sie vergewaltigen sie. Wird eine Frau Opfer einer Vergewaltigung, bringt das Schande über ihre ganze Familie. Diese Frauen bezahlen also den doppelten Preis; zuerst das unsägliche Leiden im Gefängnis und dann die gesellschaftliche Ächtung. Wird ein Mann aus einem Gefängnis entlassen, ist er ein Held. Ist es eine Frau, wird sie als etwas Minderwertiges betrachtet, etwas für das sich ihre Familie nun zu schämen hat. So schafft es die Regierung, die Hälfte der Gesellschaft still und klein zu halten. Diese Stimmen fehlen dann auch im politischen Vorgehen gegen das Regime. Das ist reines machtpolitisches Kalkül.

OneWorld: Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Hanada Alrefai: Zuerst werde ich Deutsch lernen. Dann werde ich mich weiterhin für Syrien und Schutzsuchende engagieren. Beim AMS war ich schon, mein Asylantrag wurde genehmigt, auf Arbeitssuche bin ich auch schon. Vielleicht finde ich eine Arbeit als Helferin in irgendeiner Form für Flüchtlinge oder etwas an einer Schule. Die Zukunft wird es zeigen.

OneWorld: Hanada, vielen Dank für Deine Zeit. Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft!

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien

 

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