The Story of Nasreddin. Ein Abend im Zeichen der „Migrationssatire“

Richard Schuberth und Mehmet Emir gastierten am Abend des 27. April 2016 im Aktionsradius Wien. Ein Abend, drei Filme, mit anatolischer Livemusik untermalt. Schuberths filmische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Migrationsdebatte ist nicht nur humorvolle Satire, sie ist die Aufarbeitung dessen, was Viele immer schon verunsicherte, heute aber auf Grund der aktuellen Flüchtlingskrise ungleich mehr Brisanz in sich birgt.

© Richard Schuberth, Mehmet Emir

© Richard Schuberth, Mehmet Emir

Aktionsradius Wien
Der Aktionsradius Wien ist mit seinem vortrefflichen Kunst- und Politprogramm ein wahres Kleinod der Wiener Kulturlandschaft. Ambitioniert, politisch, frei im Denken, ist er Raum für Kreativität, Begegnung und kritische Horizonterweiterung. Immer gesellschaftsrelevanten Themen zugewandt, bietet er als urbane Schnittstelle zwischen Zeit, Stadt, Kunst und Politik Platz für Vorträge, Diskussionen, Film und Musik. Ein Ort der  Vielfalt und Demokratie. Als „Verein für Stadtkultur und kulturelle Stadtentwicklung“ ist er belebend für die Wiener Kunst- und Kulturszene, sein Engagement für urbane Entwicklung wirkt bereichernd für Wien und seine BewohnerInnen. Ein Blick in das abwechslungsreiche und vielversprechende Programmheft ist sehr zu empfehlen. Ein passendes Umfeld also für inspirierte Geister und humorige Freidenker wie Richard Schuberth und Mehmet Emir es sind.

Klischee-Frontalangriff
Richard Schuberth, seines Zeichens Universalkünstler, präsentierte gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Wegbegleiter, Schauspieler und Musiker, Mehmet Emir, drei Filme mit zentralem Schwerpunkt Migration: Ein Video aus dem Jahr 1989 zeigte den jungen Schuberth als Kabarettisten. Eine satirische Sondersendung von „Heimat fremde Heimat“ aus 2002 sowie „Die wundersamen Abenteuer des Nasreddin Kürtler“ (mit Mehmet Emir in der Hauptrolle) wurden dem Publikum ebenfalls vorgeführt. Dazwischen anatolische Klänge auf Saz und Ney von Emir vorgetragen. Während das Video aus Schuberths Adoleszenz eher aus nostalgischen Gründen zum Staunen brachte, bot die Sondersendung von „Heimat fremde Heimat“ einen karnevalesken Frontalangriff gängiger Migrantenklischees auf die Lachmuskeln des Publikums. Im Klassenzimmer eines kulturell überforderten Lehrers verpflichtender Deutschkurse für Migranten sitzt eine ethnische Melange die den Kursleiter verzweifeln - und kein Ressentiment auslässt. Neben dem bosnischen Automechaniker im Blaumann, sitzen der Araber mit Kufiya, die schüchterne Südostasiatin, die hochschwangere Türkin, der mit seiner Kampfsport-Ausbildung prahlende Thai sowie der Inder mit dem größten Turban diesseits der Donau. Ob ihrer Ignoranz gegenüber seiner kulturellen Überlegenheit, bringen sie den armen Deutschlehrer, ihren moralisch überlegenen aber verkannten Retter, zur Weißglut. Dass die schüchterne Südostasiatin schlussendlich die devote Frau des Kursleiters wird, passt in das Bild dieser lauthals skurrilen Komödie.

Ein Film, der erst noch gedreht werden muss
Über etwas feinsinnigeren Humor im filmischen Highlight der Veranstaltung durfte zuletzt gelacht werden. Der Trailer – denn mehr als diesen gibt es noch nicht - zu „Die wundersamen Abenteuer des Nasreddin Kürtler“ geizt zwar auch nicht mit Vorurteilen, wer Stereotype  aber präzise einsetzt, sich ihrer Oberflächlichkeit bewusst ist, entlarvt und zerstört sie letztendlich und erreicht somit genau das, was Umberto Eco einmal als „homerische Tiefe“ bezeichnete. „Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend.“ Und so bricht Nasreddin aus der Türkei nach Österreich auf, hoch motiviert den Männern ihre Frauen auszuspannen und das bis nach Anatolien berühmte Sozial- system auszunutzen. Acht plärrende Tanten sind darüber hinaus ein weiterer Grund, als Wirtschaftsflüchtling das Land zu verlassen.


Der liebenswerte, etwas einfach gestrickte Nasreddin, sein Namensvetter ist der prominente Protagonist humoristischer Geschichten aus der arabischen Welt, Nasreddin Hoca, stolpert von einem Fettnäpfchen zum anderen und trifft diese auch mit exakter Akkuratesse. Derart durch die Widersprüche der österreichischen Gesellschaft taumelnd, gerät er in allerlei aberwitzige Situationen, vom Geiste seiner toten Mutter begleitet, die ihn als ständig schlechtes Gewissen vielleicht aber doch noch zur Vernunft bringen kann. Als Objekt kultureller Libido und kulturellen Hasses, landet der hasenfüßige Nasreddin in den Armen liebeshungriger Pensionistinnen und bei der Jugo-Mafia. Obendrein wird der Antiheld Ausländerreferent einer rechten Partei und ist dabei stets sowohl xenophile als auch xenophobe Projektionsfläche einer von Chauvinismus geprägten Allgemeinheit. Als ihm der Geist seiner Mutter die Gabe alle Sprachen dieser Welt zu sprechen schenkt, eröffnen sich ihm nicht nur neue Perspektiven, dieses Talent bringt auch unerwartete Nachteile mit sich.…

"Die wundersamen Abenteuer des Nasreddin Kürtler“ - das prämierte Drehbuch dafür schrieb Schuberth bereits 2003 - ist eine Komödie mit Tiefgang, abseits jeder Ethnoromantik. Woody Allen würde diesen Film sehr mögen. Es bleibt zu hoffen, dass es Schuberth gelingt, die finanziellen Mittel für die Realisierung des Filmes aufzutreiben. Es wäre sehr schade, sollte dies nicht gelingen. Der Trailer macht definitiv Lust auf mehr.

Links:

Tobias Natter lebt als freier Journalist in Wien.

 

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook