Westsahara, ein besetztes Land - Hubert Höllmüller (Hg.)

Kitab Verlag, Klagenfurt – Wien 2014, Sachbuch, 192 Seiten, €16,80

Das Buch führt die LeserInnen in das Völkerrecht und die Geschichte des Konflikts in Westsahara ein und beschreibt internationale Bestrebungen um eine mögliche Lösung. Es bietet eine Einführung in die Grundlagen der sozialen Arbeit mit dem Schwerpunkt auf kriegstraumatisierte Menschen an, welche durch authentische Reflexionen der Autorinnen zu ihrem Aufenthalt in Algerien ergänzt wird. Durch die Vertrautheit mit dem Thema wird die Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit der Situation der Saharawis vermittelt. Die Publikation enthält außerdem Karten und zahlreiche Bilder, die die Lage von Westsahara und der Flüchtlingslager eindrucksvoll veranschaulichen.

Seit mehr als 40 Jahren leben viele Saharawis in Flüchtlingslagern in einem abgeschlossenen Wüstengebiet im äußersten Westen von Algerien. Von der Weltgemeinschaft wurde das Schicksal dieser Menschen beinahe vergessen und ihre ursprüngliche Heimat, die spanische Kolonie Westsahara, gilt bis heute als die letzte Kolonie Afrikas. Über das Schicksal der saharawischen Flüchtlinge erfahren wir dank der Initiative der Fachhochschule Feldkirchen. Ausgewählten Studentinnen leisten in die algerischen Flüchtlingslager, um dort ihre Praxis in der sozialen Arbeit zu machen. Ihre Berichte bilden das Rückgrat dieses inspirierenden Buches, welches ausführlich über die Situation der Saharawis, die Geschichte des Konflikts und mögliche Zukunftsperspektiven berichtet.

Vier österreichische Studentinnen verbrachten zwei Monate in einem saharawischen Flüchtlingslager in Algerien und lernten dort die Situation der Saharawis aus erster Hand kennen, gestalteten Programme für Kinder und boten Unterstützung für dortige LehrerInnen und BetreuerInnen.

Es lohnt sich einen kurzen Einblick in die rezente Geschichte von Westsahara zu bieten:

Die ehemalige Kolonialmacht Spanien überließ in den 1970er Jahren ihre Kolonie Westsahara an Marokko ohne Zustimmung der Bevölkerung oder der internationalen Gemeinschaft. Vorgesehen wurde ursrpünglich ein Referendum über die Unabhängigkeit, umgesetzt wurde es aber seit 40 Jahren noch nicht. Stattdessen nützt Marokko die natürlichen Ressourcen des Landes in vollem Ausmaß und setzt die einheimische Bevölkerung unterschiedlichen Formen von Repression aus.

Die Anzahl der Saharawis, die in den algerischen Flüchtlingslagern leben, liegt bei 130.000 bis 160.000. Sie sind auf materielle Hilfe aus dem Ausland angewiesen, haben aber erstaunlicherweise eine sehr gut funktionierende und selbstverwaltete Gesellschaft in der Wüste geschaffen.

Die Situation der Saharawis ist äußerst prekär. Einerseits wurden sie in den 1970er Jahren aus ihrem Zuhause vertrieben, andererseits wurden ihnen das von den Vereinten Nationen zugesprochene Recht auf Rückkehr und das Abhalten eines Referendums nicht gestattet, weil es von Marokko verhindert wurde. Stattdessen hat Marokko mit Hilfe von Frankreich und den USA in den 1980er Jahren einen verminten Grenzwall aufgebaut, der durch die ehemalige Kolonie Westsahara läuft und das Gebiet in zwei Territorien trennt. Der grössere und wirtschaftlich bedeutendste Teil entlang der Küste wird von Marokko verwaltet und die Saharawis, die dort blieben, werden starker Diskriminierung ausgesetzt. Der zweite Teil, welcher ungefähr einen Drittel der Kolonie ausmacht, wird von der sogenannten Demokratischen Arabischen Republik Sahara (DARS), einer indigenen Regierung der Saharawis, verwaltet. Die DARS wurde bisher von mehr als 70 Ländern der Welt anerkannt. Ihr Beitritt in die Afrikanische Union führte dazu, dass Marokko aus Protest austrat. Gründe, warum Marokko über Westsahara herrschen will, gibt es mehrere. Aus dem Buch geht klar hervor, dass Westsahara reich an Rohstoffen ist, vor allem Phosphat wird abgebaut, welches 75% der globalen Phosphatressourcen ausmacht. Die Gewässer entlang der langen westsaharischen Küste sind zudem reich an Fischbeständen. Marokko nutzt diese Ressourcen seit der Besatzung von Westsahara und führt mit vielen, insbesondere westlichen Ländern Handelsbeziehungen ohne jegliche Einschränkungen. Laut dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag ist Marokko nicht über die Ressourcen der Westsahara verfügungsberechtigt. Jegliche Handelsabkommen über diese widersprechen dem Völkerrecht. Sanktioniert wurde dafür aber bis jetzt keiner der Staaten.

Die einzelnen Beiträge im Buch sind sehr informativ und enthalten Verweise auf weitere Quellen. Das Buch vermittelt ein Grundwissen über die Lage der saharawischen Bevölkerung, die bereits seit 40 Jahren inmitten eines „Niemandslandes“ in der algerischen Wüste  - angewiesen auf Hilfsgüter -  auf eine Rückkehr in ihre Heimat hofft.

Generell wird im Buch versucht Solidarität und Wege zur Verbesserung der Situation der Saharawis zu finden. Dies könnte durch Unterstützung der saharawischen LehrerInnen, Schaffung von Möglichkeiten zur besseren Freizeitgestaltung der Jugend in den Flüchtlingslagern, Öffentlichkeitsarbeit und internationalem Druck auf Marokko und seine Partnerländer, zu denen aus wirtschaftlichen Interessen auch die EU und Amerika zählen, erfolgen.

Es ist unklar, wie lange der Konflicht noch ungelöst bleiben wird. Seit dem Waffenstillstand am Anfang der 1990er Jahren ist die Sitation wie eingefroren. Für die UNO ist Westsahara ein ständiges Eingeständnis ihres Scheiterns. Die internationale Gemeinschaft hat den Westsaharakonflikt aus dem Blick verloren. In der Zeit des Krieges in den 1970er Jahren haben viele westliche Länder, darunter auch Österreich, Waffen an Marokko geliefert, heutzutage führen sie mit Marokko Handelsbeziehungen.

Über Westsahara wurde bisher nur sehr wenig Literatur publiziert und nur selten wird in den Medien über das Schicksal der Saharawis berichtet. Es ist daher ein Anliegen der AutorInnen wie auch der zahlreichen MenschenrechtsaktivistInnen und vor allem der saharawischen Bevölkerung selbst, auf diesen ungelösten Konflikt, unter dem noch hunderttausende Menschen weiter leiden, aufmerksam zu machen. Vielleicht kann diese Buchrezension auch einen Beitrag dazu leisten.

Autorin der Rezension: Viola Ternenyova, August 2016

 

 

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