Hans Stoisser: Der schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen können

Kösel, 208 Seiten, München, 2015, € 18,50

Ein neokoloniales Plädoyer für die Verteidigung der europäischen Hegemonie mithilfe Afrikas. Rezension von Margot Bacher

Der Wiener Unternehmer und Berater Hans Stoisser argumentiert in seinem Buch „Der schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen können“ dafür, dass Europa seine Meinung gegenüber Afrika hinterfragen und eine neue Politik gegenüber den afrikanischen Ländern erarbeiten sollte. Ansonsten drohe dem europäischen Kontinent der Verlust seines alten angestammten Platzes in der Weltordnung und das Versinken in wirtschaftlicher, politischer und kultureller Bedeutungslosigkeit, wie im Klappentext angekündigt wird. Diese eurozentrische, neokoloniale Sichtweise, in der dem Leser/der Leserin nahegelegt wird, den wirtschaftlichen Aufschwung afrikanischer Länder für europäische Zwecke zu nutzen, durchzieht das gesamte Buch.

Der Titel ist eine Zusammensetzung aus den Allegorien „der schwarze Kontinent“ und den „asiatischen Tigerstaaten“ der 1980er Jahre. Stoisser ruft im Buch dazu auf, das homogene Bild, das europäische Medien von Afrika als Krisenkontinent zeichnen, zu verwerfen, und die positiven Entwicklungen zu betrachten. Zunächst skizziert Stoisser den wirtschaftlichen Aufschwung einiger afrikanischer Länder in den vergangenen Jahrzehnten, die er als Geschäftsmann in einigen Ländern selbst miterlebte. Seine Prinzipien, ein positives, differenziertes Bild vom afrikanischen Kontinent zu zeichnen, wirft er jedoch bald über Bord.

Über weite Strecken im Buch differenziert Stoisser nicht zwischen den 54 Staaten Afrikas, wie er schon im Untertitel „Was wir von Afrika lernen können“ andeutet. Als Unternehmer, der seit 30 Jahren in einigen wenigen afrikanischen Ländern (u. a. Südafrika, Mosambik und Simbabwe) tätig ist, meint er offensichtlich, dass diese Länder für den gesamten Kontinent repräsentativ sind. Damit setzt Stoisser jedoch nur eine „Tradition“ fort, denn in den vergangenen Jahren sind zahlreiche Bücher erschienen, die sich mit dem wirtschaftlichen Fortschritt Afrikas beschäftigen und nicht zwischen den einzelnen Ländern differenzieren: „Afrika kommt!“: Der schwarze Kontinent: Jahrhundertchance für Investoren und Unternehmer“ von Vijay Mahajan (2009), „Afrika vor dem großen Sprung“ von Dominic Johnson (2011) oder „Der Afrika-Boom“ von Andreas & Frank Sieren (2015).

Der Untertitel „Was wir von Afrika lernen können“ ist außerdem alles andere als zutreffend, da das gesamte Buch ein Plädoyer für europäische UnternehmerInnen ist, das Wirtschaftswachstum in einigen Ländern Afrikas zu nutzen und auf dem Kontinent ökonomisch aktiv zu werden, mit dem Ziel, die Vormachtstellung Europas im 21. Jahrhundert wiederherzustellen. Ein halbes Jahrhundert lang habe der „Westen“ die Welt dominiert und sich diese Sonderstellung seit dem 15. Jahrhundert „erarbeitet“ – wie Stoisser die Kolonisierung, Ausbeutung, Unterdrückung und Ermordung von Millionen Menschen umschreibt. Doch in den vergangenen Jahrzehnten habe Europa diese Vormachtstellung zunehmend an die USA verloren und werde zusätzlich von asiatischen Ländern, allen voran China und Indien sowie von Schwellenländern wie Brasilien, aus Afrika verdrängt. Anstatt seine Chancen zu nutzen, verteile Europa weiterhin Almosen in Form von Entwicklungshilfe auf dem afrikanischen Kontinent. Immerhin sei Europa in Afrika nach Stoisser „als größter Geber von Entwicklungshilfe nach wie vor ein wichtiger Machtfaktor“.

Durch Investitionen aus Asien und Brasilien flache das Interesse Afrikas an europäischen Geldern jedoch zunehmend ab. „Die afrikanischen Länder sind so Schauplatz eines im Entstehen begriffenen neuen politischen und wirtschaftlichen Machtgefüges geworden. Sie sind Experimentierfeld neuartiger globaler Kooperationen und Interessensgemeinschaften. Europa aber ist in diesem neuen Gefüge immer weniger vertreten,“ so Stoisser. Hier offenbart sich die neokoloniale Rhetorik des Autors, indem Afrika ganz offen als Experimentierfeld bezeichnet wird. Dem Kontinent wird damit ein Objektstatus zugewiesen, eine passive Rolle in der globalen (Wirtschafts-)Politik. Dass es Stoisser nicht wirklich um Afrika, sondern um die Rolle Europas in der Welt geht, zeigt er auch in einem seiner abschließenden Kapitel, dass er wie folgt betitelt: „…in Afrika wird Europas Platz in der Welt entschieden“. Hier schildert Stoisser die Chance für eine neue Außenorientierung Europas, welche eine gestaltende Rolle im Globalisierungsprozess verspreche. Dazu müsse Europa sinnvolles Engagement in Afrika zeigen. Dies solle durch wirtschaftliche, soziale und kulturelle Vernetzung und Verschränkung Europas mit afrikanischen Ländern erfolgen.

„Europa über alles“ scheint das Motto des Autors zu sein. Europa ist nach Stoisser für Entwicklungsländer unbedingt nachahmenswert und müsse Vorbild für Afrika sein: „Afrika mag gerade Schwung nehmen, aber im Vergleich zu Europa haben die Afrikaner noch viel nachzuholen." Stoisser hinterfragt seine eurozentrische Perspektive nicht, im Gegenteil. Er bezeichnet Europa bzw. den Westen als die „moderne Welt“ und betont die europäischen Werte und das „humanistische Menschenbild“ Europas – gerade Letzteres klingt gegenwärtig hinsichtlich der Flüchtlingssituation zynisch.

Margot Bacher hat Geschichte, Internationale Entwicklung und Afrikawissenschaften studiert und arbeitet als freie (Wissenschafts-)Lektorin & Korrektorin (http://korrigiermich.at; https://www.facebook.com/korrigiermich) in Wien

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