Nachhaltig wohnen in einem Earthship

Potential für ressourcenschonendes Bauen in Guatemala

Sigrind Beckenbauer

Sigrind Beckenbauer

In Guatemala gibt es seit 2013 eine neue Form nachhaltiger Wohnbauten, die sogenannten Earthships. Gerade in Ländern des globalen Südens, die einerseits sehr trocken sind, andererseits ein sehr heißes Klima aufweisen, kann die Bauweise der
Earthships den BewohnerInnen viele Vorteile und einen ressourcenschonenden Einsatz von Materialien und Finanzen bringen. BewohnerInnen einer kleinen Gemeinde in Comalapa, Guatemala sind diesen innovativen Weg der Errichtung eines Modell –Earthships in Selbstbauweise - gemeinsam mit dem Architekten Michael Reynolds (USA) - bereits gegangen. Gemeinsam mit der Entwicklungsorganisation LWH –Long Way Home wurde ein solch nachhaltiger Wohnbau für eine guatemaltekische Familie mit fünf Kindern geplant und erfolgreich errichtet.

50 Freiwillige sowie Menschen aus der Gemeinde haben mit Elan und viel Körpereinsatz mitgebaut. Fertiggestellt und übergeben wurde der nachhaltige earthship Modellbau nach nur drei Wochen Bauzeit. Die freiwilligen HelferInnen aus aller Welt waren in einem eigenen Projekt organisiert, zahlten Anreise, Flug und Hotel selbst und mieteten sich für die Dauer der drei Wochen in einem nahegelegenen günstigen Quartier ein, dem einzigen Hotel der Region.

Für die arme Gemeinde Comalapa bedeutete dies, einen zusätzlichen Gewinn aus den Übernachtungskosten der Freiwilligen während der Bauzeit lukrieren zu können.

Die Grundidee der earthships stammt allerdings aus New Mexico. 1994 begann der amerikanische Architekt Michael Reynolds gemeinsam mit Familien und Bewohnerinnen der Gemeinde Taos mit dem Bau der earthships in der Nähe von Taos Valley in New Mexico. Als besonders radikal und schamvoll wurde anfangs seine Idee betrachtet, Zivilisationsabfälle als Baumaterial zu nutzen.

Heute stehen in Taos 60 Häuser in einem weit verstreuten steppenähnlichem Gebiet in der Nähe einer Bergkette. Da sich die Häuser hervorragend in die Landschaft einbetten und in den aufgeschütteten Erdhügeln fast verschwinden, nimmt man sie als Reisender kaum wahr. Jeder dieser bewohnten grünen „Erdhügel“ verfügt über eine Photo Voltaik Anlage, die - einer Luftspiegelung gleich - aus den grünen Hügel herausglänzen.

Die Earthships unterscheiden sich in einigen wesentlichen Punkten von normalen Wohnsiedlungen: die verwendeten Materialien sind zu 100% Recyclingmaterialien: alte Autoreifen,  Flaschen, Glas– und Keramikfliesen sowie Lehm kommen dabei zum Einsatz.

Alte Autoreifen werden - mit Lehm als Bindemittel - übereinandergeschichtet in die Erde eingerammt und außen mit Lehmschichten verputzt. Die Autoreifen isolieren wunderbar und fungieren daher als natürliche Wärme– bzw. Kältespeicher. Die verschiedenen Recyclingmaterialien können auch mit Holz, Glas und Stein kombiniert werden. Die Bauweise der earthships ist überall gleich. Wie die BewohnerInnen sie jeweils dekorieren, welche zusätzlichen Materialien sie verwenden, bleibt ihnen überlassen.

Passive Solarenergie, Brauchwasseranlagesysteme und riesige Pflanzenanlagen sorgen im gemütlichen Inneren für ein wohltemperiertes Klima: Wärme im Winter und Kühle während der trockenen und heißen Sommer. Windenergie und interne Wassertanks versorgen die sie zusätzlich mit  Energie und Wasser. Gebrauchtes Wasser wird grundsätzlich nochmals für die Pflanzenbewässerung und abschließend für die Toilettenspülung verwendet.

In den meisten earthship communities werden unter den BewohnerInnen auch bestimmte Gesellschaftsmodelle gelebt, ähnlich der Co-housing Gemeinschaften in Europa und Amerika.

In der kleinen Gemeinde Comalapa in Guatemala leben die EinwohnerInnen von weniger als 2,- € pro TagilHil. Die Earthships stellen daher eine wirkliche Erleichterung in den Lebenserhaltungskosten und im täglichen Zusammenleben dar.

Gegenseitige Unterstützung beim Bau, sharing-Systeme in der Kinderbetreuung oder bei Arbeiten des täglichen Lebens, werden auch in Comalapa praktiziert und erleichtern das gemeinschaftliche Leben der guatemaltekischen BewohnerInnen. Der von Long Way home initiierte Modellbau eines earthships in Comalapa war ein Erfolg für die Gemeinde und die Freiwilligen und zog in den letzten Jahren weitere earthship Bauten in der Gemeinde nach sich.

Faszinierend an den earthships sind generell auch die Innenräume: sie bestehen aus einem großzügig angelegten Atriumbereich mit Wohnraum und integrierter Küche, einer weiteren großen Schlafkoje sowie Sanitärräumen. 

In Taos valley, New Mexico, der Ausgangsgemeinde der earthships lohnt ein Besuch im Visitors center:  nach einem kurzen Video kann man durch ein Muster- earthship schlendern, alle Innenräume besichtigen und über die Idee und Geschichte nachlesen sowie aktuelle Bauprojekte der earthship communities kennenlernen. Weltweit gibt es bereits earthship communities in Europa sowie in Bolivien, Nicaragua, Mexico, Hawai und in Jamaica und – kaum zu glauben – auch in Japan. Die earthship communities in den Ländern des Südens sind stetig am Wachsen und interessierte Freiwillige können immer wieder an Camps zum Bau von earthships – meist unter Anleitung des Architekten Michael Reynolds persönlich, teilnehmen.

Nähere Informationen: www.earthship.net 

Autorin: Sigrid Beckenbauer,  2016

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