Von der Traufe in den Regen

Die Aufnahme von ehemaligen Guantánamo-Häftlingen erweist sich für Uruguay als komplikationsreich. Ein Syrer ging in den Hungerstreik

Flickr - Mike Benedetti

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Jihad Diyab weigert sich seit über 60 Tagen, Nahrung zu sich zu nehmen, mehr als zwei Wochen davon hat er nicht einmal Wasser getrunken. Sein Gesundheitszustand ist sehr kritisch, doch er setzt sein Leben aufs Spiel, um auf diese Weise zu erreichen, das südamerikanische Land Uruguay verlassen und in einem muslimischen Land mit seiner Familie zusammengeführt werden zu können.

Der 43jährige Syrer ist einer von sechs ehemaligen Guantánamo-Häftlingen, die im Rahmen von Obamas Vorhaben, das US-amerikanische Gefängnis in Kuba Schritt für Schritt aufzulassen, im Dezember 2014 von Uruguay aufgenommen wurden.

Uruguay ist das einzige Land Südamerikas, das bisher ehemalige Häftlinge aus Guantánamo aufgenommen hat. Nach einem Übereinkommen zwischen dem damaligen uruguayischen Präsidenten José Mujica und dessen US-amerikanischen Amtskollegen Obama haben Diyab  & Co Asylstatus und einen uruguayischen Ausweis.

Mujica, der Teil der links-progressiven Regierung Uruguays ist und für mehrere aufsehenerregende politische Maßnahmen verantwortlich zeichnet, zog auch mit dieser Entscheidung Aufmerksamkeit auf sich. Die Geste wurde anfangs von beiden beteiligten Regierungen sehr positiv aufgenommen und sollte ein Vorbild für weitere Eingliederungen von Guantánamo-Häftlingen in andere Staaten sein. Doch die Aufnahme der sechs Ex-Insassen, von denen vier aus Syrien, einer aus Tunesien und einer aus Palästina stammen, brachte bald Komplikationen mit sich:

Vier der sechs Männer campierten nach fünf Monaten vor der US-amerikanischen Botschaft in Uruguays Hauptstadt Montevideo, forderten mehr finanzielle Unterstützung, ein eigenes Haus und den Nachzug ihrer Familien und beklagten die schlechten Lebensbedingungen im Aufnahmeland. In ihrem Blog, den sie während der Proteste starteten, schreiben sie: „Wir protestieren vor der Botschaft, weil uns die US-Regierung fälschlicherweise 13 Jahre lang gefangen gehalten hat; nun sollte sie uns mit den für ein menschenwürdiges Leben notwendigen Mitteln ausstatten. Sie können ihre Fehler nicht einfach auf andere abschieben, sie sollten uns mit Häusern und finanzieller Unterstützung helfen.“ Zwei der Männer heirateten bald uruguayische Frauen, wurden aber nach wenigen Monaten wegen häuslicher Gewalt verklagt, und beide dürfen sich nun ihren Frauen nicht auf weniger als 300 Meter nähern. Die beiden Frauen beklagen, dass der Staat die Ex-Häftlinge nie psychologisch betreut habe.

Diyab, der sich auch schon in Guantánamo in einem Hungerstreik befunden hatte, sei laut uruguayischen Medien jener, der sich am wenigsten in dem südamerikanischen Land zurechtgefunden habe.Nach zwölf Jahren Haft und Folter in Guantánamo – in denen er nie in einem offiziellen Verfahren vor Gericht gestellt wurde – erhielt er gemeinsam mit fünf weiteren ehemaligen Häftlingen. Den noch in Guantánamo befindlichen Häftlingen teilte er sogar mit, es sei besser, im Gefängnis zu sein als nach Uruguay zu gehen, da die Lebensbedingungen nicht akzeptabel seien.
Uruguay ist im südamerikanischen Vergleich das Land mit den dritthöchsten Lebenskosten (nach Argentinien und Venezuela), gemessen nur an den Wohnkosten liegt es sogar an zweiter Stelle. Außerdem weist er auf die kulturellen Unterschiede und die Unmöglichkeit hin, in seinem körperlich eingeschränkten Zustand (als Folge der Folter in Guantánamo kann er sich nur mit Krücken fortbewegen) seiner mehrköpfigen Familie in Uruguay einen angemessenen Lebensstil bieten zu können. Seine Frau und seine drei Töchter leben derzeit in der Türkei, eine seiner Töchter heiratet diesen Monat.

Im Juni dieses Jahres verließ er über einen nicht kontrollierten Grenzübergang das Land und reiste über Brasilien bis nach Venezuela, wo er im uruguayischen Konsulat beantragte, in die Türkei oder ein anderes Land ausreisen zu können, um dort mit seiner Familie vereint zu sein. Venezuela veranlasste seine Deportation zurück nach Uruguay, woraufhin der 43-Jährige seinen Hungerstreik begann. Bisher erklärte sich kein Staat bereit den Ex-Häftling aufzunehmen.

Diyab, der aufgrund seines Hungerstreiks schon mehrmals ins leichte Koma gefallen war und daraufhin kurzfristig zwangsernährt wurde, verlangt nun von der uruguayischen und der US-amerikanischen  Regierung konkrete Schritte, um seine Ausreise und Neuansiedelung zu ermöglichen. Einerseits fordert er Briefe der uruguayischen Regierung an die Botschaften der Türkei, Venezuelas, des Libanon sowie Katars, in denen ihm von uruguayischer Seite eine Reisefreiheit in diese Länder bestätigt wird. Andererseits verlangt er eine Offenlegung des Vertrags zwischen den USA und Uruguay, in dem die Bedingungen seiner Aufnahme in das südamerikanische Land festgelegt wurden. Dieser Vertrag betreffe seine persönliche Situation direkt, dennoch sei dieser ihm bisher nicht zugänglich gemacht worden.

Generell existieren in der Öffentlichkeit viele Fragen über die Hintergründe des Abkommens zwischen Mujica und Obama sowie die Inhalte des Vertrags. Die Aufnahme der Ex-Häftlinge hat die Beziehung Uruguays zu den USA verbessert und dem Land Handelsvorteile gebracht, auch wenn dies zumindest laut offizieller Angaben  nicht Teil des Deals gewesen sei. Mujica ließ jedoch in diesem Zusammenhang bei einem Interview im März mit der Aussage aufhorchen: „Um den USA ein paar Kilo Orangen zu verkaufen, musste ich die Verrückten aus Guantánamo aushalten“.

Autorin: Tamara Artacker, 2016

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