„Viele sehen sich in einer Sackgasse“

Der uruguayische Sozialökologe Eduardo Gudynas erklärt im Gespräch mit oneworld.at, wie es zu den Bergbau-Konflikten in Bolivien kam – und welche Perspektiven es gibt.

Tamara Artacker

Tamara Artacker

Als Reaktion auf die Reform des Kooperativen-Gesetzes (ley de cooperativas) von Evo Morales in Bolivien starteten im August dieses Jahres hunderte Bergbauarbeiter offene Proteste und Straßenblockaden. Die Gesetzesveränderung impliziert unter anderem, dass sich nun in den Kooperativen gesetzlich anerkannte Gewerkschaften bilden können; dies war ein Grund des Ärgers der cooperativistas, der genossenschaftlich organisierten Bergbauarbeiter. In Bolivien ist der Großteil der im Bergbau Beschäftigten in Kooperativen organisiert.

Im Rahmen der Proteste Ende August kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, es starben vier protestierende Minenarbeiter sowie der Vize-Innenminister Illanes, der das Gespräch mit den cooperativistas gesucht hatte und bei diesem Versuch als Geisel genommen und am selben Tag erschlagen wurde.

Anlässlich seines Wien-Besuchs konnte Oneworld.a tmit Eduardo Gudynassprechen, dem international bekannten uruguayischen Sozialökologen, der u.a. zu den Problematiken rund um extraktivistische Aktivitäten in Südamerika forscht und den Begriff des Neoextraktivismus geprägt hat.

Tamara Artacker

Tamara Artacker

Um was geht es in den aktuellen Bergbau-Konflikten in Bolivien?

Was wir in Bolivien haben, sind multiple Konflikte rund um den Bergbau. Ein Teil dieser Konflikte ist eine Reaktion auf die Umweltschäden, ein anderer Teil eine Reaktion auf Streitigkeiten um Landnutzung – wer das Territorium kontrolliert und ob ein bestimmtes Stück Land für Bergbau oder für Landwirtschaft und Viehzucht genutzt wird. Und dann existiert noch in Gegenden, in denen schon Bergbau praktiziert wird, ein übergelagerter Konflikt darüber, wer diese Aktivität kontrolliert und wer den Gewinn dieses Extraktivismus einstreift.

Wie kam es dazu?

Der jüngste Konflikt fand zwischen der Regierung und den in Kooperativen organisierten Bergbauarbeitern, den cooperativistas, statt. Der genossenschaftliche Bergbau wurde von der Regierung unter Evo Morales als Alternative zum transnationalen, privatisierten Bergbau sehr gefördert. Der Konflikt hat gezeigt, dass in den Hintergrund gerät, wer nun tatsächlich der Eigentümer des Rohstoffes ist – ob Staat, Kooperativen oder Konzern. Der Streit bezieht sich nur auf die Aneignung des ökonomischen Überschusses.

Wenn die Rohstoffpreise fallen, verringert sich die mögliche Gewinnspanne, und vielen dieser cooperativistas bleiben nur Aktivitäten, die wirtschaftlich nicht rentabel sind. Sie fürchten um ihr Einkommen und protestieren, um die Hilfe der Regierung zu bekommen. Dieses Ausmaß des Konflikts zeigt uns einen wichtigen sozialen Wandel in Bolivien. Viele der heutigen Bergbauarbeiter kommen ursprünglich aus Gemeinden, die sich der Landwirtschaft und Viehzucht widmeten, und betrieben Bergbau, um ein zusätzliches Einkommen für die Familie zu verdienen. Durch die über mehrere Jahre hindurch hohen Rohstoffpreise und die damit verbundenen höheren Gewinne haben viele diese Verbindung zu ihren landwirtschaftlichen Traditionen und ihrer Gemeinde aufgegeben. Sie finden nun, im Kontext des Verfalls der Rohstoffpreise, keinen Weg zurück zu anderen Produktionsweisen oder zur Subsistenzwirtschaft und sehen sich deshalb in einer Sackgasse gefangen – dann brechen die Konflikte aus.

Wie kann man sich eine Bergbau-Kooperative in Bolivien vorstellen?

Laut bolivianischer Bestimmung gelten Kooperativen als Teil der Solidarökonomie, die keinen unternehmerischen Gewinn erwirtschaftet und Regeln der Solidarität unterworfen ist. Viele aktuelle Studien zeigen allerdings, dass diese Genossenschaften immer mehr traditionellen kapitalistischen Betrieben ähneln. Ein Großteil der Bergbau-Kooperativen hat eigene, vertikal organisierte Lohnangestellte, außerdem erwirtschaften sie Gewinn und erfüllen die sozialen und umwelttechnischen Normen nicht. Einer der Auslöser des aktuellen Konflikts war die staatliche Einforderung der Regulierung der Arbeitsverhältnisse der angestellten Minenarbeiter in den Kooperativen. Doch die cooperativistas haben sich geweigert dies umzusetzen.

Welche Beziehung hat der Staat zu den Bergbau-Kooperativen?

Eine sehr enge.Vor allem auf wahlpolitischer Ebene, denn die Bergbau-Genossenschaften sind sehr gut organisiert und stellen eine bedeutende Zahl an Wählern dar. Sie haben großen politischen Einfluss und daher auch starke Präsenz in der Regierung, sie hatten ihre eigenen Abgeordneten im Kongress. Es ist also eine wichtige Bewegung zur Unterstützung der MAS (Movimiento al Socialismo, Partei von Evo Morales, Anm. d. Red.), außerdem hat MAS ihnen viele Jahre viele Arten von Vorteilen und Unterstützungen eingeräumt.

Welche Art von Vorteilen sind das?

Sie sind von einigen Steuern befreit und es wurde toleriert, dass sie soziale und umwelttechnische Normen nicht einhalten. Außerdem haben sie Maschinen und Ausrüstungen gespendet bekommen.

Auf welche Art und Weise wird sich die Beziehung zwischen Kooperativen und Staat nach den Konflikten nun ändern?

Mir scheint, dass die Basis der Allianz zwischen Staat und Bergbau-Genossenschaften zerbrochen ist. Dies kann eine Gefahr für die Regierung von Evo Morales sein, da es ein Sektor ist, der sehr gut organisiert ist und viele Wählerstimmen bedeutet. Für die Kooperativen, die sich der Gesetzesveränderung entgegenstellen, führte der offene Konflikt nun sicher zu einer Diskreditierung ihrer Anliegen in der öffentlichen Meinung.

Welchen Ausweg gibt es?

Die Kooperativen sollten sich anderen produktiven Aktivitäten widmen. Das würde also das Ende des Bergbaus, aber nicht das Ende der Kooperativen bedeuten. Ich denke, dass dies notwendig ist, nicht nur aufgrund des sinkenden Gewinns im Bergbau, sondern auch weil es viele Informationen darüber gibt, dass die Aktivitäten der Bergbau-Genossenschaften besonders die Umwelt verschmutzen, vor allem durch eine hohe Verschmutzung der Böden und Gewässer durch Schwermetalle. Diese Auswirkungen, die die Gesundheit der Minenarbeit, ihrer Familien und der lokalen Bevölkerung beeinträchtigen, sind nicht tolerierbar. Um diesen Grad der Verschmutzung zu verhindern, müsste der gesamte Sektor neu überprüft werden, und es ist wahrscheinlich, dass ein Großteil der Aktivitäten dann nicht mehr rentabel ist.

Wieso sind die Aktivitäten der Kooperativen besonders umweltschädlich? Gibt es keine staatlichen Vorschriften?

Mit Fallen der Rohstoffpreise versuchten die Kooperativen noch weniger in Umweltmaßnahmen zu investieren, um die Gewinnspanne beizubehalten.

Es existieren Gesetze, aber keine staatliche Kontrolle. Außerdem wurden die Kooperativen besonders wenig kontrolliert, da sie wichtige politische Alliierte der aktuellen Regierung waren. Würden die existierenden Gesetze, von denen manche sicher reformiert gehören, eingehalten werden, könnte sich die Situation verbessern.

Welche Rolle spielen transnationale Konzerne im Bergbausektor in Bolivien?

Es gibt in vielen Verträgen Hinweise darauf, dass transnationale Unternehmen es bevorzugen, den Abbau der Minerale den Kooperativen zu überlassen und diesen dann den schon extrahierten Rohstoff abzukaufen, vielmals ist das für sie sogar ein besseres Geschäft und politisch unkomplizierter. So ersparen sie sich viele Formalitäten, das Einholen von Genehmigungen der bolivianischen Regierung, Konflikte mit der lokalen Bevölkerung etc. Das sind Entwicklungen, die aber nicht nur im Bergbausektor zu beobachten sind, ähnlich sieht es im Landwirtschaftssektor der Cono-Sur-Länder sowie im Erdölsektor der Andenstaaten aus.

Vielen Dank für das Interview!

Eduardo Gudynas, geboren 1960, ist Leiter des Centro Latino Americano de Ecología Social (Claes) in Montevideo, und Autor zahlreicher Bücher und Artikel über die Rechte der Natur, soziale Bewegungen, Umweltkonflikte, (Neo-)Extraktivismus, die progressiven Regierungen Südamerikas sowie über Alternativen zu Entwicklung. Momentan hat er den Arne Næss Lehrstuhl für Globale Gerechtigkeit und Umwelt an der Universität von Oslo inne.

Autorin: Tamara Artacker, 2016

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