Aufs Fischerboot steigen

Geschichten und Gedanken zum Thema Flucht und Migration von Maria Reininger, ORF Ö1 Redakteurin

Baboulaye ist ein smarter junger Mann - an die 35, ray-ban-ähnliche Sonnenbrillen – er sitzt neben mir und lenkt den alten, aber im Sahel  immer noch funktionstüchtigen Peugeot. Wir fahren heim nach Dakar, zurück vom Festival eines der größten Popstars in Afrika, Baba Maal. Die Fahrt von Podor an der  mauretanischen Grenze nach Dakar dauert sechs Stunden,  zwei Stunden lang rede ich mich in Rage:  Weißt du überhaupt, wieviele Arbeitslose es in Europa gibt, hast du eine Ahnung, wie Kälte und  Alleinsein an europäischen Winterabenden sind, weißt du, wie gefährlich so eine Überfahrt ist, hast du jemals von Lampedusa gehört? Baboulaye hält dagegen: Ihr wollt einfach eure Arbeit nicht teilen, drei Tage habe ich jetzt einen Job als Chauffeur gehabt, ansonsten schlage ich mich durch. Ich sitze zuhause,  kann abends nicht weggehen.  Meine Eltern haben eine Landwirtschaft und fünf Kinder  –ich kann es in meinem Alter nicht mehr verantworten, ihnen auf der Tasche zu liegen.  Einmal im Leben muss man etwas riskieren. Ich gehe auf die Piroge.

Auf das schmale Fischerboot  –  bist du verrückt?  Wieviel weißt du eigentlich von den Leuten, die nach Europa gegangen sind?

Naja, bei uns ist das so: wenn ein Kind zehn Jahre lang nichts hören läßt aus Europa, geht man zum Marabout. Der sieht dann in seiner Vision, ob es noch lebt.

Zwei Tage später steht ein grinsender Baboulaye vor mir: Danke, ich habe meiner Freundin in Dakar jetzt doch einen Heiratsantrag gemacht. Ob Baboulaye heute – drei Jahre später - gut lebt, weiß ich nicht.

Senegal ist nun nicht das Land mit den drängendsten Fluchtgründen, aber die Geschichte zeigt, wie knapp es auch dort sein kann, wie schwierig der Kampf ums tägliche Einkommen ist, und wie wichtig die Vorstellung vom Wegkönnen gerade auch für junge, aktive Erwachsene aus dem relativen Mittelstand ist - in einem Land, das recht und schlecht vom Phosphat-, Erdnuß- und Zwiebelexport lebt, und dessen Fischreichtum von europäischen und chinesischen Fangflotten schneller und massenhafter gekäscht wird, als von den eigenen Fischern.  Die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge sind vor allem die, die in ihrem Leben mehr leisten wollen.


Flüchtlinge abwerten, Migranten in einem Atemzug mit Extremisten nennen, und ein geradezu hysterisches Sicherheitsdenken, das glauben machen soll, wir bräuchten vor allem mehr Militär und Abwehr. Das sind Sackgassen österreichischer Politik angesichts internationaler Krisen. Es geht aber auch anders. Und das hat nichts mit naiver Schönfärberei zu tun, sondern mit ein paar wirtschaftlichen und menschlichen Überlegungen.

Hier ein paar Erzählungen und Thesen dazu, wies kommt, dass Menschen unfreiwillig nach Europa migrieren, und wie EU-Politik so gedreht werden könnte, dass ein Austausch in Wohlstand entsteht:

Text: Maria Reininger. Die ORF Ö1 Redakteurin, ist seit 30 Jahren mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik beschäftigt und anderem für die Initiative Jubilee 2000 mit dem Ökonimen Jeffrey Sachs.

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