Wirtschaft, Radikalisierung und Flucht

Geschichten zum Thema Flucht und Migration von Maria Reininger, ORF Ö1 Redakteurin.

39.000 Menschen aus Nigeria sind 2016 in Italien angekommen. Sie haben die unsichere Reise nicht nur deswegen auf sich genommen, weil die islamistische Terrormiliz im Norden Nigerias, Boko Haram, Kinder verschleppt, sondern auch aus wirtschaftlichem Mangel. In Realität greifen die Gründe, nicht mehr gut zuhause leben zu können, ineinander: 

Der Norden Nigerias war jahrzehntelang eine vom christlichen, erdölreichen Süden vernachlässigte Gegend. Damit entstand auch Widerstand gegen die staatliche Zentralgewalt. Wenn es sich Nordnigerianer zum Beispiel nur zu dritt oder viert leisten konnten, auf dem Mofa zu fahren, und dann von der Polizei bestraft wurden, kam es zu Schlägereien und Demonstrationen. Die Leute im kargeren Norden wollten nicht auch noch sekkiert werden durch Vorschriften.

Schon in den 1950ern konnte in diesem Klima die Parole „Boko Haram“ – also „Westliche Schulbildung ist Sünde“  - ausgegeben werden. Nach dem Motto: Wir leben unsere eigene traditionelle Kultur. Vorerst kleine Grüppchen übernahmen diese Parole. Sie schickten ihre Kinder in die Koranschulen. Die lehrten zwar nicht Rechnen und Schreiben, boten aber wenigstens tägliches Essen für die Kinder. Nicht wenige Nordnigerianer blieben trotzdem lieber in den westlichen Schulen, aber die – in Europa würde man vielleicht sagen - Aussteigerkultur der Boko Haram war Nährboden für die späteren gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Christen in Nigeria und für den Erfolg einer islamistischen Ideologie, als nach 2001 auch in Afrika die Al Kaida entstand, viel später der IS. Außerdem musste die Wirtschaft Nigerias aufgrund der Finanzzockereien der Lehman Brothers in den vergangenen Jahren noch herbe Schläge hinnehmen.

Die Folgen der Lehmann Pleite und Radikalisierung treiben Menschen zur Flucht nach Europa - vor allem viele Menschen, die mit radikalem Gedankengut nichts zu tun haben wollen.


Flüchtlinge abwerten, Migranten in einem Atemzug mit Extremisten nennen, und ein geradezu hysterisches Sicherheitsdenken, das glauben machen soll, wir bräuchten vor allem mehr Militär und Abwehr. Das sind Sackgassen österreichischer Politik angesichts internationaler Krisen. Es geht aber auch anders. Und das hat nichts mit naiver Schönfärberei zu tun, sondern mit ein paar wirtschaftlichen und menschlichen Überlegungen.

Hier ein paar Erzählungen und Thesen dazu, wies kommt, dass Menschen unfreiwillig nach Europa migrieren, und wie EU-Politik so gedreht werden könnte, dass ein Austausch in Wohlstand entsteht:

Text: Maria Reininger. Die ORF Ö1 Redakteurin, ist seit 30 Jahren mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik beschäftigt und anderem für die Initiative Jubilee 2000 mit dem Ökonimen Jeffrey Sachs.

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