Kindernachrichten: Die mutigen Kinder Boliviens

Kindernothilfe Mitarbeiterin Sarah Hadodo (Graf) reiste Anfang des Jahres nach Bolivien, um drei unserer Projekte im Armenhaus Südamerikas zu besuchen: Potosi, Tapacari und Chaqui. „Wie schrecklich die Armut in Bolivien ist, habe ich erst durch meine Projektreise richtig begriffen. Aber auch wie unglaublich stark und zielstrebig viele der jungen Menschen sind – wahre Kämpfer und Kämpferinnen!“

copyright: Katharina Wurian

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Ein Kind zählt weniger als eine Ziege

Die Armut in Bolivien ist unvorstellbar. Von den knapp 11 Millionen Einwohnern leben ca. 20% von weniger als 2 Dollar pro Tag, wobei die Bedingungen vor allem für die indigene, ländliche Bevölkerung sehr prekär sind. Sie haben kaum Zugang zu staatlichen Grunddiensten wie Gesundheitsversorgung oder Bildung hat. Speziell in den ländlichen Regionen hausen Familien in kleinen, schlecht isolierten Hütten, oft alle gemeinsam in einem einzigen Raum. Auf dem Boden liegen Decken, Möbel gibt es keine.

Das Los der Kinder, die in diesen Verhältnissen aufwachsen müssen, ist ein besonders schweres. Als schlecht bezahlte Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter können Eltern ihre Familien selten ausreichend ernähren geschweige denn ihren Kindern eine Schulbildung ermöglichen. Folglich sind die Mädchen und Buben hier außer als Arbeitskraft nicht viel wert. Umarmungen und liebe Worte sind selten, ihre Zukunftschancen mehr als dürftig.

Gewalt – ein Tabuthema

Zusätzlich ist Gewalt im traditionell männerdominierten Bolivien nach wie vor ein großes, aber tabuisiertes Thema. Schläge statt miteinander reden ist in vielen Familien trauriger Alltag. Denn in einem Leben gezeichnet von extremer Armut und Aussichtslosigkeit sehen viele Männer und Väter oft keine anderen Handlungsmöglichkeiten, insbesondere dann wenn auch noch Alkohol ins Spiel kommt. Zudem hat die patriachale Tradition dazu geführt, dass Frauen kaum über Bildung verfügen und nicht wissen, wie sie sich wehren können. Erst seit wenigen Jahren gibt es Bestrebungen, das allgemeine Problembewusstsein zu schärfen und Frauen und Müttern die Möglichkeit zu geben, sich zu wehren und sogar bei der Polizei Anzeige zu erstatten.

Kinder leiden besonders unter der Gewalt. Während es früher üblich war, darüber zu schweigen: „Sonst kommt Papa ins Gefängnis!“, wird  nun versucht, Gewaltprävention in der Schule zu unterstützen. „Die größte Hoffnung sehe ich in der Jugend“, ist Psychologin Daniela S., die in einem unserer Förderzentren in Potosi arbeitet, überzeugt. „In der Schule führen wir viele Gespräche über Gewalt. Das Verhalten der Buben hat sich schon sehr verändert. Denn die Mädchen zeigen ihnen‚ wo es langgeht!“  Im Förderzentrum finden die Kinder und Jugendlichen zudem einen Zufluchtsort, an dem die geschulten, sehr engagierten MitarbeiterInnen immer ein offenes Ohr haben und auf sie eingehen.

„Man kann nicht die ganze Welt ändern. Aber im eigenen Umfeld beginnen“, so die 18-jährige Cindy, die das Projekt „Yachay Mosoj“ besucht, und  die dieses Jahr trotz ihrer Herzkrankheit den Schulabschluss machen wird. Danach möchte die zielstrebige junde Frau einen technischen Beruf ausüben.

Die Geschichte von Izabela

Die achtzehnjährige Izabela ist die älteste von sieben Geschwistern. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe des Cerro Rico und ist wie die meisten Kinder hier in bitterer Armut aufgewachsen.

Izabela, du hast schon mit sechs Jahren gearbeitet?
Ja, denn mein Papa wurde durch die anstrengende Arbeit in den Minen sehr krank, und wir hatten kein Geld mehr. Er hatte auch einen schweren Unfall, wurde von einer Last beinahe erdrückt – ich musste mit meinen Verwandten in die Mine hinein und ihn suchen. Die Luft dort ist furchtbar! Aber ich kannte die Mine schon vor seinem Unfall, weil ich Papa öfters Essen in den Stollen gebracht habe. Ich selbst half als kleines Mädchen meiner Mutter Chicharron, ein Schweinefleischgericht, zu verkaufen.

Warum arbeiten trotz Lebensgefahr so viele Männer in der Mine?
Weil es, bis auf den Maurerberuf, kaum Alternativen gibt. Auch mein 15-jähriger Bruder musste bereits in der Mine arbeiten.

Trotz Arbeit hast du auch immer die Schule besucht?
Ja, ich arbeite und lerne! Meine Mutter hat großen Wert darauf gelegt, dass ich das Kindernothilfezentrum und die Schule in Potosi besuchen kann. Ich arbeite heute Teilzeit in einer Konditorei.

Möchtest du auch einmal eine Familie haben?
Ja. Aber zuerst brauche ich eine gute Ausbildung. Das ist sehr wichtig.

Was möchtest du die Menschen in Österreich wissen lassen?
Unsere Lebensumstände könnt ihr euch in Europa sicher gar nicht vorstellen … Die Situation der Kinder bessert sich, wenn auch nur sehr, sehr langsam. Wir brauchen viel Kraft und Selbstvertrauen und noch viel mehr Unterstützung.Das ist die Realität in Bolivien.

Sarah Hadodo hat auf ihrer Reise  interessante, optimistische Mädchen getroffen: „Wenn man mit diesen zielstrebigen jungen Menschen spricht, weiß man, welche großartige Arbeit hier in den Projekten geleistet wird!“  „Wir sind auf einem guten Weg. Wenn junge Frauen wie Izabela oder Cindy später einmal Kinder haben werden, so werden sie vieles anders machen als ihre Eltern!“, so die Psychologin Daniela S.

Mehr zum Projekt „Yachay Mosoj“ und der Situation der Minenarbeiterkinder in Bolivien

Autor: Katharina Wurian, Sarah Hadodo (Graf), aus den Kindernachrichten der Kindernothilfe, Juli 2018

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