Frauenflüchtlinge: Flucht in die Gewalt

Frauen leiden besonders unter den Lebensbedingungen als Flüchtlinge. Auch die Kürzung von Lebensmittelrationen in Flüchtlingscamps führt zu mehr häuslicher Gewalt und zu sexueller Ausbeutung.

Am 19. Juli 2005 appellierten WFP und UNHCR an die internationale Gemeinschaft: Die Flüchtlingslager in Tansania, in denen Flüchtlinge aus Burundi und der DR Kongo leben, benötigen dringend mehr finanzielle Unterstützung. Eine weitere Verknappung der Essensrationen würde die Frauen im Camp besonders hart treffen, denn bisherige Einschnitte in die Nahrungsversorgung hätten bereits zu mehr Gewalt in der Familie und zu sexueller Ausbeutung geführt. Nach Angaben des UNHCR-Verantwortlichen für Tansania hatten Umfragen ergeben, dass die Hauptursache für häusliche Gewalt im Camp Streitigkeiten über die Nahrungsbeschaffung sind - zum Beispiel betreffend die Frage, wer in der Familie zu essen bekommt oder wer außerhalb des Camps auf Nahrungssuche geht. Gender Based Violence Die besonderen Bedürfnisse weiblicher Flüchtlinge wurden erst ab den 90er Jahren im Flüchtlingsrecht und in der Flüchtlingshilfe beachtet. Frauen flüchten nämlich mitunter aus Gründen, welche auf geschlechtsspezifischer Gewalt (Gender Based Violence) beruhen, aber in Artikel 1 der Genfer Flüchtlingskonvention nicht explizit berücksichtigt sind. Andererseits haben Frauen auch während der Flucht spezielle Schutzbedürfnisse. Frauen - und besonders Mädchen - sind gefährdet, körperlich oder sexuell missbraucht oder in die Prostitution gezwungen zu werden um sich und ihre Kinder zu ernähren. Sexuelle Ausbeutung und Missbrauch drohen den Flüchtlingsfrauen dabei vor allem von ihren eigenen Ehemännern, denn eheliche Vergewaltigung wird in vielen Gemeinschaften noch immer toleriert, aber auch von Soldaten, Polizisten, Lehrern oder Campverwaltern. Das für Frauen in Afrika aufgrund weit verbreiteter häuslicher Gewalt und mangelnder sexueller Selbstbestimmung ohnehin sehr hohe Risiko, an AIDS zu erkranken, erhöht sich dadurch für Flüchtlingsfrauen noch um ein Vielfaches. "Suffering in Silence" in Uganda Eine Anfang 2005 veröffentlichte UNICEF-Studie zur Situation im Pabbo Flüchtlingscamp in Uganda zeigt, dass Vergewaltigung die häufigste Form von Gewalt in dem 67.000 Menschen beherbergenden Camp ist. Noch erschreckender war die Feststellung, dass die am häufigsten betroffene Gruppe jene der Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren ist, daran schließen Frauen zwischen 19 und 36 Jahren und Mädchen zwischen 4 und 9 Jahren. Die Studie kritisierte vor allem die "Kultur des Schweigens", welche die Aufdeckung dieser Verbrechen erschwert. Frauen und Mädchen fürchten danach vor allem die soziale Stigmatisierung und haben allgemein Vorbehalte, sich Behörden und Polizisten anzuvertrauen - nicht zuletzt deshalb, weil diese oftmals korrupt oder sogar ihre Peiniger selbst sind. Die Ursachen für die exzessive Gewalt gegen Frauen im Camp liegen laut Studie unter anderem darin, dass die Männer sich aus ihrer traditionellen Rolle als Beschützer und Krieger gerissen fühlen. Dies führe zu einem Ansteigen der Frustration unter den Männern und in der Folge zu sexuellem Missbrauch. Darüber hinaus würden Konflikte auch durch - von FlüchtlingshelferInnen geförderte - Emanzipationsbestrebungen der Frauen hervorgerufen, weil dies die Männer verunsichere.

Blauhelme als Vergewaltiger? Sogar die UNO-Blauhelme können für Flüchtlingsfrauen zu Ausbeutern werden, wie sich zuletzt an Fällen in der DR Kongo gezeigt hat: Mitarbeiter der UN-Friedensmission MONUC tauschten Lebensmittel gegen Sex mit Flüchtlingen. Neben dieser Form der Prostitution soll es dabei auch zu Vergewaltigungen und zu Fällen von Pädophilie gekommen sein. Derartige Vorwürfe gab es bereits früher gegen Peacekeeper im Kosovo, in Sierra Leone, Liberia, Guinea und Haiti. Auch ein 2001 von UNHCR und Save the Children (UK) herausgegebener Bericht zu den Missbrauchsvorwürfen in Westafrika kritisierte "widespread abuse" durch lokale und internationale Camparbeiter. Diese Vorwürfe konnten von dem darauf folgenden UN-Untersuchungsbericht nur teilweise relativiert werden. Die UNO reagierte mit "Codes of Conduct" für ihre MitarbeiterInnen, in denen jede Form des sexuellen Kontakts mit Minderjährigen oder Sex gegen Bezahlung verboten wird. Die aktuellen Fälle in der DR Kongo zeigen jedoch, dass diese Maßnahmen nicht gewirkt haben.

Beitrag von Barbara Grosse, 22. Juli 2005 Quellen und Links: "Suffering in Silence: A Study of Sexual and Gender-based Violence", a survey of Pabbo IDP Camp co-sponsored by UNICEF and Gulu District http://www.un.org/news "UN Agencies appeal for food for Burundian and Congolese Refugees in Tanzania", UN News vom 19. Juli 2005 Women and HIV/AIDS http://today.reuters.co.uk/news "Fear, graft and silence shroud Uganda sex attacks", Bericht von Daniel Wallis vom 23. Juni 2005 Gender impact of armed conflict http://www.reliefweb.int/library/documents/2002/oios-westafrica-11oct.pdf "Investigation into sexual exploitation of refugees by aid workers in West Africa", Report of the Secretary-General on the activities of the Office of Internal Oversight Services, Fifty-seventh session, Agenda item 122, UN Doc A/57/465, Refugee Women

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