Filmkritik: "We feed the world"
Am 28.09.2005 fand die Österreich-Premiere des Filmes "we feed the world" von Erwin Wafenhofer im Wiener Gartenbaukino statt. Drei Süd-News-Redakteurinnen waren dabei.
"Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet."Jean Ziegler (UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Nahrung) im Film "We feed the World" Angesichts der weltweiten gravierenden Armutssituation muss festgehalten werden, dass es sich dabei nicht etwa um ein Produktionsproblem handelt. Mit den vorhandenen Ressourcen könnte sogar das Doppelte der heutigen Weltbevölkerung (nämlich 12 Milliarden) ernährt werden. Dennoch sterben täglich 100 000 Menschen an Hunger bzw. seinen unmittelbaren Folgen. |
Berge von frischem Brot, die Tag für Tag weggeworfen werden. Tomaten für unseren Verbrauch, die in Treibhäusern in Südspanien produziert und künstlich bewässert werden, während die Wasserreserven in der Region knapp werden . Soja, das auf tausenden Hektar abgeholzten Amazonas-Regenwaldes wächst, um dann als Futtermittel über den Erdball verschifft zu werden. Küken, die zu tausenden in riesigen Brutkästen schlüpfen und über Fließbänder befördert werden, nur um ein paar Wochen später als Hühner maschinell wieder geschlachtet zu werden. Kleine Kinder, die schmutziges Wasser trinken und von Ziegenmilch (über-)leben müssen, während in anderen Regionen des Landes besagte Sojabohnen für die österreichische Viehwirtschaft angebaut werden. Es sind sehr eindrucksvolle, einprägsame Bilder, mit denen uns Erwin Wagenhofer in seinem neuen Film konfrontiert. Bilder, die so schnell nicht wieder aus dem Gedächtnis verschwinden. Und das ist gut so. Es ist ein Film über den Zusammenhang zwischen unserem Reichtum und der extremen Armut in so vielen Ländern des Südens; über die Produktion unserer Lebensmittel im Rahmen einer globalisierten Weltwirtschaft; über den Mangel im Überfluss, für den wir uns verantwortlich fühlen müssen. Endlich sehen und hören wir von Dingen, die wir schon längst wissen sollten und über die wir nicht einfach hinwegsehen können. Die industrielle Herstellung von ursprünglich landwirtschaftlichen Produkten, die Durchdringung der Nahrungsmittelkette mit gentechnisch verändertem Erbgut und die übergreifende Macht multinationaler Konzerne sind alarmierende Tatsachen. Essen müssen wir alle. Darum haben wir auch die Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken: durch unser Kaufverhalten als KonsumentInnen. Anna Hochwarter (30.09.2005) |
We feed the world. Ein riesiger Müllberg aus Brot. Dazu das eingeblendete Statement, dass jeden Tag in Wien die Menge an Backwaren vernichtet wird, die zur Versorgung der Stadt Graz ausreicht. Kopfschütteln erlaubt. Ein Bauer vor seinem Maisfeld. Mit der Aussage, dass ein Teil der Ernte zur Energiegewinnung verbrannt wird. Bewirkt Stirnrunzeln über ungläubigen Augen. Die ruhigen Stimmen der Landwirte, die deutlichen und langsamen Bildläufe erzeugen eine bedächtige Atmosphäre. Die Eindrücke sind nachhaltig. Der Film bleibt, durchzogen von verschiedenen Ausschnitten aus Paradoxien der Lebensmittelerzeugung, auf dem Boden der Tatsachen, ohne Zeigefinger und Moralkeule zu erheben. Denken darf man selbst, Schlüsse ziehen und handeln. Eine sehenswerte Dokumentation. |
|
Dennoch könnte man an mancher Stelle nach größeren Zusammenhängen fragen. Welche weiteren Konsequenzen ergeben sich aus der Industriefischerei, abgesehen von mangelnder Fischqualität? Wo liegt die direkte Verbindung von der durchaus anzweifelbaren Meinung des Nestlekonzernchefs, Wasser nicht als öffentliches Gut sondern als Lebensmittel mit Marktwert zu bezeichnen zur tatsächlichen Wasserknappheit in afrikanischen Ländern? Ich hätte mir gewünscht, dass nicht ein Sklave der freien Marktgesetze das Schlusswort bekommt, hingestellt als Beispielbösewicht der Weltkonzerne. Eine Ebene, die Eigenverantwortung und "Beteiligtsein" als schließende Eindrücke des Filmes verdeutlicht, wäre alltagsnäher, vielleicht ehrlicher gewesen. Viola Muster (30.09.2005) Vom Essen in einer absurden Welt Erwin Wagenhofers neuer Film "We feed the world" diagnostiziert ein krankes Gesellschaftsschaftssystem an unserem Verhältnis zur der Nahrung. Unser Gemüse glänzt in prallen Farben - nur schmecken will's nicht mehr. Den Weizen für unser Brot importieren wir aus Indien, dort kostet er weniger als hierzulande der Rollsplitt. Anderswo müssen Menschen verhungern, weil wir mit den Früchten ihres Landes unsere Rinder füttern. Der neue Film von Erwin Wagenhofer, "We feed the world", der am 28. September im Gartenbaukino Premiere hatte, erkundet die kranken Auswüchse der globalen Marktwirtschaft am Umgang mit der Nahrung. Das Thema bietet wenig Neues oder Unbekanntes, es beeindruckt durch die Vielzahl der Beispiele. Vom täglich entsorgten Brot in Wien führt die filmische Reise zu den Tomatenfabriken in Spanien, wo Wasser, Boden und menschliche Arbeitskraft aufs Äußerste ausgereizt werden. Vom bretonischen Fischer geht's zum rumänischen Hybridgemüseanbau, dann nach Brasilien und wieder zurück zum Ausgangspunkt Österreich. Zu Wort kommen Fischer und Bauern, ein Saatguthersteller sowie der Chef des größten Lebensmittelkonzerns, Nestlé. Ein Interview mit Jean Ziegler, dem UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, zieht sich als roter Faden durch den Film. Jean Ziegler war auch bei der Premiere anwesend, wo er gemeinsam mit Franz Fischler, dem ehemaligen EU-Kommissar für Landwirtschaft, und dem Regisseur Erwin Wagenhofer Publikumsfragen beantwortete. Fazit der Diskussion ist eine einstimmige Diagnose: Vieles krankt an unerem Umgang mit der Nahrung, die Ideen zur Heilung sind nur ganzheitlich umzusetzen. Franz Fischler setzt dabei auf den mündigen Konsumenten, der "als Rad des Systems Einfluss auf die Produktpalette im Lebensmittelhandel nimmt." Das ohnmächtige "Ich kann ja nichts tun" lässt auch Jean Ziegler als Argument nicht gelten. Jeder Mitteleuropäer könne seine demokratischen Freiheiten nutzen und aktiv auf die Politik Einfluss nehmen. Nur durch politischen Druck ist eine Entschuldung der Entwicklungsländer und eine Abschaffung der EU-Exportsubventionen umzusetzten - für Ziegler die zwei wichtigsten Gründe für das Missverhältnis zwischen Nord und Süd. Der Abend klingt fröhlich aus mit Musik und Buffet, mir klingt noch der Satz Jean Zieglers im Ohr: "Ich sehe es als Errungenschaft meiner Bewusstseinsarbeit an, dass heute niemand den Hunger als natürliches Phänomen sieht. Für mich gilt: Jeder Mensch, der heute an Hunger stirbt, wird ermordet." Christine Newald (04.10.2005) |
