Es ist keine große Depression ausgebochen

Hans-Georg Danninger ist seit Oktober 1996 Koordinator der Österreichischen Entwicklungszusammen-arbeit in Nicaragua. Zuvor war er als Referent für Wasser- und Energieprojekte im Außenministerium in Wien tätig. Mit ihm sprach Brigitte Pilz anläßlich seines Besuches in Wien.

Der Wirbelsturm »Mitch« hat die sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in Nicaragua stark verändert. Eine bilaterale Kooperation muß – abgesehen von Katastrophenhilfe – darauf wohl auch längerfristig reagieren. Wie schauen die diesbezüglichen Pläne Österreichs aus?

Es ist keine grundlegende Veränderung des bilateralen Programms nötig. Wir werden die Schwerpunkte »Ländliche Entwicklung«, »Klein- und Mittelbetriebe« beibehalten. Wir werden aber eine regionale Verschiebung vornehmen. »Mitch« hat ja mit der Grenzregion zu Honduras die ärmsten Gebiete des Landes getroffen. Als Probemaßnahme werden wir in einem kleinen Gebiet einen integralen Ansatz versuchen. Wichtig ist, daß wir dort auch Partner haben, auf die wir zählen können, Gemeindeverwaltungen, die für diese Kooperation offen sind. Wichtig ist darüber hinaus, daß nicht irgendwelche Profiteure die Unterstützung ausschlachten. Wir legen auch großen Wert darauf, daß der Bevölkerung nichts direkt geschenkt wird. Als Teil des Hausbauprogramms müssen die Leute in den nächsten drei Jahren 100 Tage Gemeinschaftsarbeit leisten – für Aufforstung, Erosionsschutz, Wegebau und dergleichen.

Es ist wohl nicht anzunehmen, daß die Leistungen Österreichs in den nächsten Jahren erhöht werden. Wo wird man Einschränkungen vornehmen?

Wir haben schon in letzter Zeit eine Konzentration in bezug auf unser Landessektorprogramm Landwirtschaft begonnen. Wir ziehen uns aus dem Hochland Matagalpa und Estelí zurück. Auch durch das Auslaufen des Biodiesel-Projektes werden Finanzmittel frei.

Österreich hat knapp nach der »Mitch«Katastrophe Nicaragua die Schulden gestrichen. Um welchen Betrag handelte es sich dabei, und wie kam es zu dieser raschen Reaktion?

Aus der Entwicklungszusammenarbeit gab es Kredite über cirka 500 Millionen Schilling. Diese wurden zur Gänze gestrichen. Es gab so gut wie keine KommerzbankSchulden in Österreich. Angekündigt wurde der Schuldenerlaß in Höhe von einer Milliarde Schilling vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky bereits beim Sozialgipfel in Kopenhagen 1995. Allein die LDCs hatten höhere Schulden bei uns, deshalb wurde aufgestockt. Die Detailabwicklung war langwierig und hat dazu geführt, daß die Entschuldung erst letztes Jahr abgeschlossen werden konnte. Das war ganz zufällig zum Zeitpunkt des Hurrican »Mitch«.

Nicaragua ist ein Land, in dem von der Regierung derzeit ein neoliberaler Wirtschaftskurs verfolgt wird. Die Zahl der Armen wächst, Sozialausgaben werden weniger. Wie reagiert die Entwicklungszusammenarbeit darauf?

Ich werde darum kämpfen, daß wir neben den zwei aktuellen Sektoren den Bereich »Soziales« als eigenen Sektor in das neue Regionalprogramm 2000–2002 aufnehmen. Wir haben ja auch tatsächlich viele Projekte in diesem Bereich, bzw. ist die Grenze fließend.

Wie soll sich die Arbeit im Sozialbereich von Projekten der siebziger Jahre unterscheiden?

Es geht heute darum, nationale Einrichtungen zu stärken, die solche Bereiche wahrnehmen. Wir machen keine direkte Sozialarbeit. Wir dürfen aber den sozialen Bereich nicht aussparen, wir müssen integriert arbeiten.

Bevor Sie nach Nicaragua gingen, haben Sie in Wien in der Verwaltung der Entwicklungszusammenarbeit als Referent für Wasser und Energie gearbeitet. Wie erleben Sie persönlich die Arbeit als Koordinator?

Ich bin ein Praktiker. Deshalb fühle ich mich bei einer Arbeit nahe am Geschehen wohler als am Schreibtisch in Wien. Ich habe ein sehr gut funktionierendes Büro in Managua mit sehr engagierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Das Arbeiten in Nicaragua ist hochinteressant, sicher schwierig, aber sehr befriedigend.

Was ist das Schwierige an Ihrer Arbeit?

Das ist die politische Situation. Es gibt viele Konflikte, die nicht in einer Form gelöst werden, die zu Verbesserungen führt. Zum Beispiel will man dezentralisieren. Den Gemeinden werden mehr Aufgaben zugewiesen, sie erhalten aber die vereinbarten Finanzmittel nicht.

Und wie ist es mit den Betroffenen? Ist die nicaraguanische Bevölkerung in dieser politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeit und gerade nach einer solchen Katastrophe, wie »Mitch« sie darstellt, nicht sehr mutlos?

Hans-Georg DanningerNein, es ist ja nicht die große Depression ausgebrochen. Die Nicaraguaner sind ein Volk, das vehement um Rechte kämpft. Sie sind nicht apathisch, auch nicht nach einer solchen Katastrophe, bzw. man kann sie durchaus motivieren. Deshalb war es uns so wichtig, sofort mit dem Hausbauprogramm zu beginnen. Man durfte die Leute nicht wochenlang unter ihren Plastikplanen darben lassen, dann wären sie apathisch geworden. Im Oktober kam der Wirbelsturm, im Jänner haben wir das erste Haus übergeben, um Mut zu machen. Und die Leute haben sofort begonnen, es innen herzurichten und rundum Gemüse anzubauen.

Danke für das Gespräch!

Brigitte Pilz ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04