Die Folgen des Hurricans „Mitch“

Im Herbst 1998 zerstörte der Wirbelsturm »Mitch« weite Teile West- und Nordnicaraguas. Tausende Tote werden beklagt. Es wurden Dörfer zerstört, die Ernte und weite Landstriche kostbaren Ackerbodens. Der Aufbau hat begonnen, doch er ist mühsam, nicht zuletzt deshalb, weil die Menschen in Nicaragua im Laufe ihrer jüngeren Geschichte immer wieder einen Neubeginn wagen mußten.

Von Ralf Leonhard

 

Im Zusammenhang mit Nicaragua muß man unwillkürlich an die Strafe des griechischen Frevlers Sisyphos denken: Kaum ist der schwere Felsen den steilen Abhang hinaufgewälzt, rollt er wieder hinunter, und die Plackerei fängt von vorne an. Kaum hat sich Nicaragua von einer Katastrophe halbwegs erholt, wird die jahrelange Aufbauarbeit durch ein neues Desaster zunichte gemacht.

Das Erdbeben von 1972 verwüstete die Hauptstadt Managua so gründlich, daß man heute noch vergeblich ein urbanes Zentrum sucht. Hurrican »Joan«, der im Oktober 1988 die Atlantikküste heimsuchte, fraß eine tiefe Schneise in die tropischen Wälder, eine der wichtigsten Waldreserven Zentralamerikas. Vier Jahre später zerstörte ein Seebeben halbe Dörfer an der Pazifikküste. 

Mit Vulkanausbrüchen, Dürrekatastrophen oder Hochwasser kann man justament immer dann rechnen, wenn die Ernte einmal besonders gut zu werden verspricht. Auch 1998 konnten sich die Campesinos von West- und Nordnicaragua auf eine Rekordernte freuen. Doch dann kam »Mitch«: Tagelange Wolkenbrüche, die der karibische Wirbelsturm Ende Oktober auslöste, ließen die Flüsse zu einer Sintflut anschwellen, die nicht nur die Ernte, sondern vielerorts sogar die Ackerkrume davontrug. Menschen, die sich auf Bäume retten konnten, mußten hilflos zusehen, wie nach und nach ihr Vieh, ihre Häuser und ihre gesamte Habe von der Flut mitgerissen wurden. Zuletzt fielen auch viele von ihnen, geschwächt durch Kälte, Schlaflosigkeit und Hunger, in die reißenden Strudel.

Das Ausmaß der Katastrophe war also schon verheerend, bevor sich eine gewaltige Stein- und Schlammflut aus dem Krater des Vulkans Casitas über vier Dörfer der Gemeinde Posoltega ergoß.

Initiative trotz allem 
Offiziell wurden in Nicaragua 3045 Todesopfer gezählt. Weitere 936 Menschen werden nach der Katastrophe vermißt. Das heißt, ihre Leichen konnten noch nicht aus den Schlammgräbern geborgen werden. Zu den Vermißten gehört aber auch eine unbekannte Zahl von Waisenkindern, die nach der Katastrophe hilflos umherirrend von gewissenlosen Kinderhändlern verschleppt wurden.

Die Materialschäden werden auf umgerechnet 10,8 Milliarden Schilling geschätzt. Das entspricht 44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Nicaraguas. Es wurden nicht nur über 41.000 Wohnhäuser, 75 Schulen und 83 Brücken, sondern auch 40 Prozent der Kaffee-Ernte vernichtet. Der Kaffee - Nicaraguas wichtigstes Exportprodukt - wird in der Gegend nicht von Großgrundbesitzern, sondern mehrheitlich von mittelgroßen Produzenten und Genossenschaften angebaut. Von diesen Schäden sowie von den auf bestenfalls ein Prozent revidierten Wachstumsprognosen für 1999 und dem erwarteten Ansteigen der Inflation ist die Rede, wenn es heißt, das Land wurde in seiner Entwicklung um mehr als 20 Jahre zurückgeworfen. 

Viel schwerer zu messen sind die psychologischen Folgeschäden bei den Überlebenden, von denen viele nicht nur alle Verwandten verloren haben, sondern auch deren Todeskampf miterleben mußten. Und dann ist da noch die Angst vor den Tretminen, jenen makabren Überresten aus dem Krieg. Sie wurden aus ihren ursprünglichen Verstecken weggespült und töten oder verstümmeln immer wieder arglose Bauern. 

Unter diesen Umständen ist es unglaublich, mit welcher Kraft und Zuversicht viele der Betroffenen sich gerade nicht von Hilfe abhängig machen. Sie lassen sich nicht von wohltätigen Organisationen, die in den Katastrophengebieten weitgehend den Staat ersetzen, durchfüttern, sondern ergreifen selbst die Initiative und wagen einen Neuanfang. Sie wollen glauben, daß - anders als bei Sisyphos - der Fels doch einmal oben bleiben wird. 

Ralf Leonhard ist freier Journalist, der viele Jahre in Nicaragua gelebt und gearbeitet hat.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04