Verschärfte Gegensätze zwischen Arm und Reich

Wie in vielen Entwicklungsländern schlägt sich auch in Nicaragua die Verbesserung der nationalen Wirtschaftslage nicht auf die Ärmsten durch. Im Gegenteil: Die Gegensätze zwischen Arm und Reich verschärfen sich zunehmend

Ralf Leonardo

Wer Managua vor zehn Jahren kannte und nach längerer Zeit erneut in der nicaraguanischen Hauptstadt landet, dem fällt als erstes die rege Bautätigkeit auf. Neue Supermärkte und ganze »Shopping-Malls« nach dem Vorbild der Einkaufszentren in den USA schießen aus dem Boden. Das spartanische Warenangebot der sandinistischen Zeit ist einer Luxuswelt gewichen, die den Kaufverlockungen der Industriestaaten kaum nachsteht. Den Schönheitsfehler bilden wahre Armeen ehemaliger Soldaten und Sicherheitsagenten, die als Privatpolizisten mit scharfen Waffen und grimmigen Gesichtern damit beschäftigt sind, die verwahrlosten Bettler und Straßenkinder vom Konsumparadies fernzuhalten.

Mehr noch als in anderen Ländern Lateinamerikas ist die zunehmende Einkommenskonzentration in Nicaragua auch für weniger gut informierte Besucher augenfällig. Das makroökonomische Wachstum ist an der Bevölkerungsmehrheit vorbeigegangen, denn es beruht in erster Linie auf der Steigerung von Rohstoffexporten. Die Produktivitätssteigerung der Betriebe wurde mit Reallohnsenkungen für die Arbeiterschaft erkauft. Das Einkommen der reichsten zehn Prozent der Bevölkerung übersteigt jenes der ärmsten zehn Prozent um das 4600fache!

Nach einer Studie des UNDP (United Nations Development Program) und des inzwischen aufgelösten Ministeriums für Soziale Aktion wurden bereits 1994 gerade 25,17 Prozent der Haushalte als »nicht arm« betrachtet. Das heißt, ihr Einkommen reichte für den Erwerb des Mindestwarenkorbes aus, sie hatten eine funktionierende Trinkwasserversorgung, genug Wohnraum pro Person und auch Zugang zur Grundbildung. Die restlichen drei Viertel der Familien litten in zumindest einem der vier Grundbedürfnisse an einem Versorgungsdefizit, 43 Prozent waren in allen vier Bereichen unterversorgt und galten als extrem arm.

Auf dem Land gelten laut obiger Studie über 87 Prozent der Bevölkerung als arm. Seither hat sich die Situation noch verschärft. Die Bauern können sich vom Ertrag ihres Landes nicht mehr ernähren. Dies hängt ursächlich mit der Privatisierungspolitik und der Öffnung der Grenzen für die ausländische Konkurrenz zusammen. Für die Privatbanken sind die Kredite an Kleinproduzenten zu riskant. Bekamen 1990 noch 92.000 Bauernfamilien die Ernte von der Bank vorfinanziert, so waren es 1996 nur mehr 15.000. Nach der Liquidierung der staatlichen Nationalen Entwicklungsbank (BANADES) im Jahre 1997 sind es noch weniger.

Billigimporte aus den USA und aus den Nachbarländern drücken auf den Preis. Garantierte Mindestpreise, wie sie in der EU die Regel sind, gab es nur unter den Sandinisten. Diese Erlöse waren niedrig, aber ausreichend. Jetzt sahnen wieder die privaten Zwischenhändler den Gewinn ab. Und wenn die Bauern ihr überschuldetes Land verkaufen müssen, warten schon die »Schnäppchenjäger«. An Firmen, die sich auf solche Geschäfte spezialisieren, sind auch hohe Regierungsfunktionäre beteiligt. Der Vorschlag der Bauernorganisationen, die Hilfsgelder nach dem verheerenden Hurrican »Mitch« aus dem Ausland für die Neuordnung der Agrarstruktur zu nützen, wird nicht verwirklicht.

Wie in allen Ländern, wo radikale Strukturanpassungsprogramme zu Massenarbeitslosigkeit führen, wurden auch in Nicaragua Programme zur Förderung von Kleinund Kleinstunternehmen entworfen. Die Hoffnung, den mehr als 50 Prozent Unterbeschäftigten damit eine neue Lebensgrundlage zu verschaffen, erwies sich jedoch bisher weitgehend als Illusion. Nur wenigen ist es gelungen, echte Marktlücken zu erschließen. Die meisten sogenannten Kleinunternehmer sind Handwerker oder Kleinhändler, die ohne die Unterstützung durch ausländische Hilfswerke längst bankrott wären.

In Nicaragua haben sich ältere Dichter traditionell für die Entwicklung der jüngeren verantwortlich gefühlt.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04