Poesie in Fülle

Nicaragua haben sich ältere Dichter traditionell für die Entwicklung der jüngeren verantwortlich gefühlt..

Ursula Pietsch

Nicaragua ist ein Land der Dichter und Dichterinnen. »Das wichtigste Ausfuhrprodukt ist die Poesie«, sagte einmal Tomás Borge, Innenminister der sandinistischen Regierung. Wirklich bekannt wurde diese Poesie in ihrer ganzen Vielfalt und ihrem Umfang erst mit der sandinistischen Revolution.

Ernesto Cardenal, der Dichterpriester, wurde oft gefragt, was die Ursache für die Qualität und Fülle nicaraguanischer Lyrik sei. Immer mußte er zugeben, daß er den Grund nicht kenne: »Die Tatsache, daß der große Dichter Rubén Darío in Nicaragua geboren wurde, reicht als Erklärung nicht aus. Aber manchmal schlug ich als Ansatz zu einer Antwort vor, daran zu denken, daß die Dichter immer zusammen waren. Die Älteren nahmen sich immer der Jüngeren an, haben sie unterrichtet und ihnen ihre Erfahrungen weitergegeben. Dies alles geschah seit Rubén Darío, der auf dem Gipfel seines Ruhmes die jüngsten Dichter Leóns aufnahm.«

 

Niemand sucht aus
Gioconda Belli

Man sucht sich das Land seiner
Geburt nicht aus,
und liebt doch das Land, wo man
geboren wurde.
Man sucht sich die Zeit nicht aus,
in der man die Welt betritt,
aber muß Spuren in seiner Zeit
hinterlassen.

Seiner Verantwortung kann sich
niemand entziehen.
Niemand kann seine Augen
verschließen, nicht seine Ohren,
stumm werden und sich die
Hände abschneiden.

Es ist die Pflicht von allen zu lieben,
ein Leben zu leben,
ein Ziel zu erreichen.

Wir suchen den Zeitpunkt nicht aus,
zu dem wir die Welt betreten,
aber gestalten können wir diese Welt,
worin das Samenkorn wächst,
das wir in uns tragen.

Gioconda Belli ist die bekannteste Lyrikerin Nicaraguas. Sie wurde 1948 in Managua geboren und beteiligte sich ab 1975 an Guerilla-Aktionen der FSLN. Verhaftung und Flucht nach Costa Rica waren die Folge. Nach 1979 arbeitete sie in verschiedenen politischen und kulturellen Ämtern. Zur Zeit lebt sie mit ihrem Mann und den drei Kindern in Los Angeles.

Das Gedicht stammt aus dem Buch: »Wenn du mich lieben willst«, Gesammelte Gedichte, Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1993.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04