Solidarität hat viele Gesichter

Seit 20 Jahren steht Österreich mit Nicaragua, dem einzigen Schwerpunktland in Lateinamerika, in intensiver Beziehung. Die Kooperation hat im Laufe der Zeit starke Veränderung erfahren, nicht zuletzt auf Grund politischer Umwälzungen in diesem mittelamerikanischen Land. Zukünftige Schritte können auf gewonnenem Vertrauen und auf reicher Erfahrung aufgebaut werden.

Rosa Elsbeth Horbaty

Ein starker Harzgeruch liegt in der Luft. Der Föhrenwald breitet sich hier bis an den Horizont aus. Fast glaubt man, in Österreich zu sein. Einzig die tiefrote Erde läßt erahnen, daß wir uns an der tropischen Atlantikküste von Nicaragua befinden, in der Heimat der Miskito-Indianer und der karibischen Föhre. Im Dorf Tuapí gibt es heute Besuch. Einer der Dorfältesten erklärt den geladenen Gästen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit das soeben erstellte Forstinventar. Der Stolz ist dem Gastgeber anzusehen, zu Recht: Unter der Leitung eines Experten haben die Einwohner von Tuapí eigenständig ihren Forstbestand ausgemessen und Demarkationslinien ihres Dorfes gezogen und legalisiert. Hier ist das moderne Schlagwort »Empowerment« Realität geworden.

Was heißt das genau? Empowerment bedeutet hier, der indigenen Bevölkerung Nicaraguas eine Ausbildung zu ermöglichen und Instrumente in die Hand zu geben, die Selbsthilfe einleiten. Die Vermessung ihrer Gründe und Forstbestände trägt zu friedlichem Kontakt mit den Nachbarn bei. Gleichzeitig wird erreicht, daß die Menschen die tiefe Beziehung zum Wald, die ihre Vorfahren noch hatten, wiederfinden.

Das integrale Forstprojekt läuft seit dem Jahr 1994. Neben der Stärkung der Dorfgemeinschaft und der Vermessung umschließt es die Aufforstung, eine Verbesserung der Biodiversität und die Schaffung von Einkommen, etwa durch Gemüseund Obstanbau sowie Kleintierzucht.

Szenenwechsel in die Hauptstadt Managua: Im Büro für Vermarktung und Export sitzt der junge österreichische Betriebstechniker Rudolf Walcher. Auf den Regalen an der Wand steht sozusagen die Zukunft Nicaraguas: In Cellophan eingepackte Bohnen und Sesamkörner, Muster von Erdnußbutter und geraspelter Kokosnuß warten darauf, in den Markt eingeführt zu werden. Walcher, Mitarbeiter des Instituts für Internationale Zusammenarbeit (IIZ), meint: »Ziel ist eine Erhöhung der Einkommen und eine Verbesserung der Lebensqualität der KleinproduzentenFamilien. Durch Veredelung von Rohprodukten, bessere Verpackung und mehr Marktinformation soll den Bauern ein höherer Anteil des Verkaufspreises bleiben.« Die Vermarktung soll sowohl im Land selbst als auch in der Region und in Europa erfolgen. In Österreich gibt es bereits eine geeignete Anlaufstelle und Abnehmer für 15 Produkte.

Engagement damals und heute

Dies sind Beispiele der aktuellen Entwicklungszusammenarbeit Österreichs mit Nicaragua. In den früheren achtziger Jahren war die Kooperation stark geprägt von der Solidarität von Einzelpersonen und Gruppen, die in das zentralamerikanische Land gereist waren, um die sandinistische Befreiung, die Revolution der Dichter und Priester, kennenzulernen. Der allgemeine Wunsch nach Unterstützung des sandinistischen Weges stand dabei im Vordergrund. Die Zusammenarbeit basierte auf den vielen persönlichen Kontakten und Beziehungen.

Um diese Hilfsmaßnahmen zu bündeln, den Informationsfluß zu verbessern und die Effizienz zu erhöhen, wurde 1986 vom damals für die Entwicklungshilfe zuständigen Bundeskanzleramt eine Koordinatorenstelle in Managua geschaffen und mit Josef Pernerstorfer besetzt. Auch nach der politischen Wende in Nicaragua erlahmten die Aktivitäten der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit nicht. Im Gegenteil. Es wurde versucht, das Engagement besser zu bündeln. Bis Mitte der neunziger Jahre erarbeitete man ein Landesprogramm, welches die Schwerpunkte »Ländliche Entwicklung« und »Gewerbe/ Kleinindustrie« festlegte. Dank der langjährigen Erfahrung in Nicaragua war es möglich, dazu gut fundierte Landessektorprogramme auszuarbeiten. »Durch die Konzentrierung der Aktivitäten in einem Sektor und in einer bestimmten Region soll ein integriertes Denken entstehen, das Synergieeffekte schafft«, erläutert HansGeorg Danninger, seit 1996 Leiter des Regionalbüros in Managua, das Vorgehen. In einer bestimmten Region wird also nicht nur die Herstellung von landwirtschaftlichen Produkten unterstützt, sondern gleichzeitig wird überlegt, wie man diese veredeln und vermarkten kann, um so auch die Industrie zu fördern. Mit diesen Gedanken ist die Vernetzung zum Bereich Gewerbe und Kleinindustrie entstanden.

Kein nachhaltiger Erfolg: Projekt Biodiesel

Wie in anderen Lebensbereichen sind auch in der Entwicklungszusammenarbeit manche Aktivitäten nicht von Erfolg gekrönt, selbst wenn sie gut überlegt waren und mit viel Engagement der Beteiligten erfolgten. Zum Beispiel: Purgiernuß-Biodiesel. Das seit vielen Jahren durch die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit finanzierte Projekt ist im Abbau begriffen. Zwar konnte die theoretische Grundlage für die Gewinnung von Biodiesel aus Purgiernuß im Prinzip erarbeitet werden. Probleme zur Weiterführung entstanden in erster Linie aus der Tatsache, daß Nicaragua derzeit keine Politik zur Gewinnung alternativer Energie verfolgt. Bemühungen für entsprechende Gesetzesänderungen waren nicht erfolgreich. Eine steuerliche Besserbehandlung von alternativen Energieprodukten ist nicht vorgesehen.

Gleichzeitig traten Probleme bei der Produktion auf. Die Genossenschaften wollten wieder zurück zum traditionellen Anbau von Reis und Bohnen. Danninger: »Welche Pflanze ist schon innerhalb von zehn Jahren von einer Wild- in eine Kulturpflanze umgewandelt worden, wie das jetzt bei der Purgiernuß in Angriff genommen worden ist? Wie lange hat die Einführung der Kartoffel in Deutschland gedauert! Dieses Problem müßte man angehen, aber es macht keinen Sinn, wenn die Regierung nicht bereit ist, irgend etwas in diese Richtung zu tun.«

Lokale Fachkräfte bevorzugt

Die Struktur der Durchführung von Projekten hat sich im Laufe der Jahre wesentlich verändert. Unter den drei in Nicaragua vertretenen Projektträgern wird eine bessere Koordination angestrebt. Alle haben den Anteil der aus Österreich entsandten Projektmitarbeiter und -mitarbeiterinnen reduziert. Die achtziger Jahre brachten in Nicaragua hervorragende lokale Expertinnen und Experten hervor, und so können heute viele Projekte von lokalen Partnern selbst durchgeführt werden. Die österreichischen Organisationen übernehmen nunmehr das Monitoring und die finanzielle Kontrolle.

So arbeitet beispielsweise der Österreichische Entwicklungsdienst (ÖED) seit Jahren mit einem Team von nicaraguanischen Ärzten, der Acción Médica Cristiana (AMC), in Projekten zur Verbesserung der Gesundheit und der Lebensqualität der indigenen Bevölkerung der Atlantikküste von Nicaragua zusammen. Francisco Moraga, Leiter von AMC, schätzt das gegenseitige Vertrauen: »Wir sind überzeugt, daß wir dank der langjährigen und guten Zusammenarbeit bei den Schwächsten der nicaraguanischen Bevölkerung, den indigenen Völkern, wirklich etwas erreicht haben.« Insgesamt ist der ÖED mit 14 Fachkräften vertreten und fördert Projekte im Bereich der kommunalen Entwicklung, Gesundheit, Ausbildung und Förderung von Kleinbetrieben, vor allem an der Atlantikküste.

Für das IIZ arbeiten in Nicaragua derzeit drei Mitarbeiter aus Österreich. Von der Unterstützung auf dem landwirtschaftlichen Sektor ist das IIZ zur Förderung von Kleinund Mittelbetrieben übergegangen.

Diesem Sektor widmet sich auch vorwiegend das Österreichische Nord-SüdInstitut für Entwicklungszusammenarbeit (ÖNSI). Beispielsweise werden in Kooperation mit der zentralamerikanischen Universität (UCA) und deren Forschungsinstitut »Nitlapan« Personen zur Beratung von landwirtschaftlichen Kleinbetrieben und Bauernverbänden ausgebildet. Mehr als 400 Landwirte, Frauen und Männer, nahmen 1998 an Kursen teil. Dabei handelt es sich nicht um abstrakte Schulung, sondern um die Verbindung von Theorie und Praxis. Fachkräfte werden auch im technischen Bereich ausgebildet, mit einem Schwerpunkt im Holz- und Lederverarbeitungssektor und – speziell für Frauen – einem im Textilhandwerk. Dadurch soll die Produktion in Klein- und Mittelbetrieben verbessert, aber auch das Wissen über Buchhaltung, Vermarktung und Rechnungswesen erhöht werden. Für Christine Bedoya, Vertreterin des ÖNSI, ist »dieses Projekt ein gutes Beispiel dafür, wie man Forschungserfolge direkt anwendet und an die Nutznießer weitergibt«.

Koordination mit anderen Gebern

Erfreulich ist, daß bereits seit mehreren Jahren von jenen Ländern, die Nicaragua unterstützen, eine gemeinsame Entwicklungspolitik angestrebt wird. Einschlägige Treffen fanden 1995 in Paris, 1996 in Washington und 1998 in Genf statt. Im Mai 1999 in Stockholm nahmen erstmals alle zentralamerikanischen Staaten (außer Panama) teil, um eine Art Marshall-Plan für den Wiederaufbau der Region nach der Katastrophe des Hurricans »Mitch« zu vereinbaren und mit den Gebern Finanzierungsmöglichkeiten festzulegen.

Zum erstenmal wurden dabei Richtlinien erarbeitet, die auf nicaraguanischer Seite sowohl von Regierung als auch den Nicht-Regierungsorganisationen sowie international von den Geberstaaten akzeptiert worden sind. Einer der wichtigsten Punkte war die Forderung nach einer sofortigen Streichung der 6,4 Milliarden USDollar hohen Auslandsverschuldung Nicaraguas. Der Schuldendienst ist eine Bürde, die ein armes Land wie Nicaragua kaum atmen läßt.

Die Streichung der Auslandsschulden und die damit verbundene Aufnahme in die sogenannte HIPC-Initiative wird also von allen Seiten angestrebt. Für Nicaragua bedeutet dies allerdings, daß die schon seit Jahren vom Internationalen Währungsfonds (IWF) auferlegten Strukturanpassungsmaßnahmen noch mindestens zwei weitere Jahre beibehalten werden müssen: Kürzung der staatlichen Ausgaben für Soziales, Einfrieren von Gehältern und Preisen sowie Privatisierung von Staatsbetrieben. Die Folgen: nochmals mehrere Jahre weniger Einkommen, höhere Arbeitslosigkeit, mehr extreme Armut.

Von den Gebern wurde deshalb die Schaffung von Projekten und Programmen vorgeschlagen, welche die sozial Schwächsten unter der Bevölkerung und die ökologisch am stärksten exponierten Gebiete priorisieren sollen. Um eine höhere politische Stabilität zu erreichen, wird mehr Transparenz im Staatshaushalt sowie eine Dezentralisierung der Staatsfinanzen und des Staatsapparates gefordert. Eine wichtige Rolle könnte hier die neugegründete Dachorganisation der über 400 nicaraguanischen Nicht-Regierungsorganisationen spielen.

Auch für die österreichische Kooperation ist durch solche Entwicklungen ein neuer internationaler Rahmen entstanden, den es in den Aktivitäten vor Ort zu berücksichtigen gilt. In den nunmehr fast 20 Jahren gemeinsamer Arbeit mit den nicaraguanischen Partnern hat man gegenseitiges Vertrauen gewonnen und viel gelernt. Darauf kann für die Zukunft aufgebaut werden.

Dieser Beitrag ist eine vom Außenministerium autorisierte Darstellung der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit mit Nicaragua.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04