Politische Wechselbäder im "Hinterhof" der USANicaragua hat in den letzten 150 Jahren eine wechselhafte politische Entwicklung durchgemacht, die für die Bevölkerung schmerzvoll und schwierig war. Bis heute ist dieses Land im Herzen Zentralamerikas nicht zur Ruhe gekommen.

Konrad Dorer

Es gibt Länder, deren Geschichte liest sich wie eine Chronologie von Bürgerkriegen. Nicaragua ist eines davon. Als sich in der noch jungen Republik vor 150 Jahren Liberale und Konservative um die Vorherrschaft stritten, riefen die Liberalen den Söldnerführer William Walker aus den USA zu Hilfe. Er ließ sich nach gewonnenem Krieg zum Präsidenten ausrufen und konnte erst mit Hilfe der zentralamerikanischen Nachbarn wieder verjagt werden.

1912 intervenierten die USA auf seiten der Konservativen, die den Reformpräsidenten Zelaya gestürzt hatten, und blieben – mit kurzer Unterbrechung – 20 Jahre als Okkupationsmacht im Land. Erst der Befreiungskampf des Nationalhelden Augusto C. Sandino konnte sie vertreiben. Nach Sandinos Ermordung (1934) errichtete der Chef der Nationalgarde, Anastasio Somoza, eine Diktatur, die von seinen Söhnen Luis und Anastasio fortgesetzt wurde.

Der wirtschaftliche Aufschwung unter Anastasio Somoza II., der vor allem dem Baumwollboom zu verdanken war, wurde mit der Vertreibung von Kleinbauernfamilien und zunehmender Landkonzentration bezahlt. Brutale Menschenrechtsverletzungen und die schamlose Bereicherung der Diktatorenfamilie nährten eine Aufstandsbewegung, die 1979 unter Führung der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) im Sturz des Regimes gipfelte.

Auf- und Abstieg der Sandinisten

Eine pluralistisch zusammengesetzte Regierungsjunta wich bald einer von den Sandinisten dominierten Revolutionsregierung, die in den ersten Jahren mit breiter Unterstützung der Bevölkerung umfassende Sozialreformen in Angriff nahm. Die von Tausenden Freiwilligen getragene Alphabetisierungskampagne, der Bau von Schulen und Gesundheitsposten und die Förderung des Kulturschaffens verliehen dem Projekt eines »neuen Nicaragua« große Glaubwürdigkeit.

Auf Grund der politischen Nähe zu Kuba und der logistischen Unterstützung der Guerillafront in El Salvador betrieben die USA bald durch ein Wirtschaftsembargo und den Aufbau einer bewaffneten Partisanentruppe – Konterrevolutionäre oder »Contras« genannt – den Sturz der Sandinisten. Der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Ronald Reagan, bezeichnete Nicaragua denn auch als »Hinterhof« seines Landes.

Selbst die Institutionalisierung der Revolution durch einen hohen Sieg der Sandinisten bei freien Wahlen 1984 brachte keine Entspannung. Vielmehr führten die zunehmenden Rüstungsaufwendungen und fehlende wirtschaftliche Kompetenz zu Mangelwirtschaft und Hyperinflation, die die Unzufriedenheit der Bevölkerung schürten.

Als sich die zersplitterte Opposition für die Wahlen 1990 auf eine gemeinsame Kandidatin, die Verlegerswitwe Violeta Barrios de Chamorro, einigte, wurden die Sandinisten abgewählt. Die von Technokraten und Verwandten des ChamorroClans getragene Regierung konnte zwar marktwirtschaftliche Strukturen einführen und größere politische Toleranz wahren, vermochte aber die soziale Polarisierung nicht zu verhindern. Streikbewegungen gegen den Sozialabbau und die durch Privatisierungen, Betriebsschließungen und Ausdünnung des Verwaltungsapparates verursachte Massenarbeitslosigkeit gipfelten oft in blutigen Zusammenstößen mit der Polizei. Auf dem Land entstanden immer neue Rebellengruppen, die nur mit wirtschaftlichen Zugeständnissen zum Aufgeben gebracht werden konnten.

Der rechtspopulistische Arnoldo Alemán zerstörte 1996 mit seiner Wahl die Hoffnung der Sandinisten, die Macht an den Urnen zurückzuerobern. Während sich heute die FSLN in politischen Rückzugsgefechten zerreibt und als politische Alternative selbst ausschaltet, besetzen die Liberalen alle Schaltstellen der Macht. Sichtbarster Gegenpol zum Präsidenten ist jetzt der Rechnungshofpräsident Agustín Jarquín, der allen Korruptionsaffairen nachspürt. Alemán will ihn mit allen Mitteln absetzen.

Konrad Dorer ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Lateinamerika.

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erstellt von Semper Andreas
Letzte Änderungen: 22.06.04